Berliner Stimme 6|2019: Beim Bierchen mit den Identitären

Julia Ebner erforscht Online-Extremismus und veröffentlicht mit „Radikalisierungsmaschinen“ ein ebenso düsteres wie fantastisches Buch darüber, wie radikal anti-demokratische Gruppen das Internet für ihre Zwecke nutzen. Ein Leseappell.

In einer immer komplexer werdenden Welt, in der wissenschaftlichen Fakten gerne eine eigene Meinung entgegen gehalten wird, als entkräfte dies jeden Widerspruch, ziehen sich extremistische Gruppen zunehmend in die dunkelsten Ecken des Internets zurück, um sich in ihren Echokammern zu radikalisieren. Um die Strategien und Mobilisierungsstrukturen dieser Gruppen wirksam zu bekämpfen, muss man sie zunächst einmal begreifen. Gut, dass es mutige Menschen wie Julia Ebner gibt, die mit ihrem neuen Buch Radikalisierungsmaschinen“ das beklemmende Zeugnis einer Parallelwelt vorlegt, in der Neo-Nazis, islamistische Terroristen und antifeministische Fundamentalisten ihren Nachwuchs rekrutieren.

Mit Rechten reden? Für viele Menschen eine Horrorvorstellung. Julia Ebner, Extremismusforscherin am Institute for Strategic Dialogue in London, geht weiter, muss weiter gehen. Sie gibt sich verkleidet mit blonder Perücke als „Jenni“ aus und versucht die wichtigsten Köpfe der Identitären Bewegung beim Bier davon zu überzeugen, sie sei interessiert an deren Ideologie, eine potenzielle Aktivistin für die ultrarechte Gruppierung, um so Einblick in interne Planungen zu erhalten. Sie schleust sich in geheime Gruppenchats von IS-Unterstützerinnen und Trad Wives, antifeministischen radikalen Frauen, die glauben, dass die Objektivierung einer Frau durch den Mann das wichtigste Lebensziel jeder Frau ist.

Es nötigt tiefe Bewunderung ab, mit welchem persönlichen Einsatz Julia Ebner sich auf die Suche nach Antworten begibt, die uns als Gesellschaft längst nicht nur betreffen, sondern auf die wir dringend Antworten finden müssen. Wie muss es sich anfühlen, in einem IS-Chat von einem wenige Kilometer entfernten Terroranschlag zu erfahren und Minuten später zu beobachten, wie die Umstehenden panisch auf Eilmeldungen klicken?

Ebner liefert Einblicke in Abgründe und ordnet sie wissenschaftlich ein. Die 1991 in Wien geborene Autorin berät zahlreiche Regierungsorganisationen und Polizeibehörden. Sie ist an der bitteren Realität interessiert. „Radikalisierungsmaschinen“ ist keine Wohlfühllektüre, aber fesselnd wie ein Krimi. In seiner Relevanz für gesellschaftliche Diskurse in Zeiten der Digitalisierung fast schon ein Pflichttext. Die bitterste Erkenntnis des Buches ist sicherlich, dass extremistische Gruppen sich über einen langen Zeitraum und gut kalkuliert eine beachtliche digitale Kompetenz erarbeitet haben. Sie kennen ihre technischen Mittel und nutzen diese effizient, nicht nur zur Mobilisierung, sondern auch für eigene Öffentlichkeitsarbeit. Sie sind demokratischen Strukturen hier leider oft voraus.

Die demokratischen Kräfte weltweit können ihren gut vernetzten Feinden nur beikommen, indem sie deren Strategien offenlegen, begreifen und sich gegen ihre Mittel nicht nur akut verteidigen, sondern präventiv tätig werden, schreibt Julia Ebner. Es bedarf digitaler Gegenstrategien, demokratischer Deutungshoheit und stetiger Bildungsarbeit. Dieses Buch könnte vielen als Anfang dienen.

Julia Ebner: „Radikalisierungsmaschinen – Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“

Julia Ebner: „Radikalisierungsmaschinen – Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“
Aus dem Englischen von Kirsten Riesselmann
Suhrkamp-Verlag, ISBN: 978-3518470077,
334 Seiten, 18,– Euro

Autoreninfo

Felix Bethmann

Schreibt für die Berliner Stimme und den Berlin-Teil des Vorwärts