Buchtipp: Sozial­demo­kratische Geschichte zwischen Humboldt­hain und den Rehbergen

Schon die Arbeiter, die 1848 die Sümpfe der Rehberge trockenlegten, hatten den Ruf, sich nichts gefallen zu lassen. Proteste gegen Ausbeutung, Not, Armut und ungesunde Wohnbedingungen bestimmten in den kommenden Jahrzehnten immer wieder das Bild vom Wedding. Die Geschichte der Sozialdemokratie in diesem „roten Wedding“ erzählt jetzt Bernd Schimmler, Vorsitzender des Weddinger Heimatvereins, in seinem Buch „Zwischen Humboldthain und den Rehbergen“.

Im 19. Jahrhundert entstanden nördlich von Berlin größere Industriebetriebe. Die Arbeiterinnen und Arbeiter dieser Firmen fanden Unterkunft in den umliegenden dunklen Mietskasernen, deren Preise Spekulanten hochgetrieben hatten. Und die Arbeiter organisierten sich. Die neu entstehende Sozialdemokratie gewann hier mit Wilhelm Hasenclever bei den Reichstagswahlen 1877 einen ihrer ersten Wahlkreise. Sein Nachfolger wurde 1888 einer der bekanntesten Sozialdemokraten dieser Zeit: Wilhelm Liebknecht.

Bernd Schimmler porträtiert Hasenclever und Liebknecht, er erzählt vom Parteileben um 1900, von der polizeilichen Überwachung der Treffen, vom Beginn der Frauenarbeit, vom sozialdemokratischen Milieu und der Verfolgung in der NS-Zeit, die durch die Spaltung der Arbeiterbewegung in KPD und SPD erleichtert wurde. Er erinnert an Weddinger Kommunalpolitiker wie Carl Leid, Walter Röber, Helmut Mattis oder die frühere Bezirksbürgermeisterin und „Mutter vom Wedding“ Erika Heß.

Darüber hinaus schreibt er über den Weddinger Abgeordneten und Bürgermeister Otto Suhr und Willy Brandt, der seinen Weddinger Wahlkreis 5 1963 mit deutlichen 75,74 Prozent der Stimmen gewann, nicht zuletzt dank der sichtbaren Verbesserung der Lebensbedingungen im Bezirk, für die die sozialdemokratische Kommunalpolitik gesorgt hatte. Die SPD, die sich im Nachkriegs-Berlin der Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED widersetzt hatte, blieb viele Jahrzehnte Garant der Freiheit.

Und sie blieb, trotz mancher Flügelkämpfe in der Nachkriegszeit, ein verlässlicher Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger. Sanierung und gesellschaftliche Umbrüche veränderten den Bezirk, die „roten Weddinger“ zogen fort ins Märkische Viertel, die Wahlergebnisse der SPD wurden schlechter. Schimmlers Rat: Sozialdemokraten müssten wieder stärker vor Ort präsent sein, „näher am Menschen“.

Für sein Buch kamen Bernd Schimmler viele früher entstandene Aufsätze zugute. Manches kann auf den gut 160 Seiten nur angerissen werden, aber der Band liefert eine wichtige Grundlage nicht nur zur Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung, sondern auch der des Bezirks.

Bernd Schimmler, Zwischen Humboldthain und den Rehbergen, Die Geschichte der Sozialdemokratie im “roten Wedding” von Berlin, 167 Seiten

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Autor:in

Ulrich Horb

Redakteur der BERLINER STIMME und des Berliner Stadtblatts