Berliner Stimme 1|2020: Heldenzeit

Die Risiken der Atomkraft sind in aktuellen Debatten um Klimaschutz und Erderwärmung zum Randthema geworden. Die Miniserie „Chernobyl“ erinnert an vergangene Ängste und schafft daraus Bedeutung für die Gegenwart.

Wenige Ereignisse sind derart ins kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass sie auf ikonische Weise für viel mehr stehen als ihren bloßen Vorgang, die schlichte Begebenheit als solche. Dem 11. September 2001 etwa ist eine entsprechende Ikonographie zuzuordnen und auch auf den Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 trifft diese Form der Bedeutung über den eigenen Nachrichtenwert hinaus zu.

Die Handlung des fünfteiligen Dramas zeigt seine Stärke und Bedeutung für die Gegenwart

Mindestens für die Generation der bis Mitte der 1970er-Jahre Geborenen gilt Selbiges für den 26. April 1986, an dem nahe dem ukrainischen Prypjat um 1.23 Uhr Ortszeit der Reaktor-Block 4 des Kernkraftwerkes Tschernobyl explodierte. Um die Folgen der Nuklearkatastrophe geht es in der von Craig Mazin für HBO geschriebenen Miniserie Chernobyl, die auch im deutschsprachigen Raum in der englischen Schreibweise des Reaktornamens betitelt ist.

Jared Harris, Stellan Skarsgård und Emily Watson spielen die Hauptfiguren in einem insgesamt grandiosen Ensemble. Chernobyl wurde mit zehn Emmys und zwei Golden Globes, darunter jeweils als beste Miniserie ausgezeichnet und von der Kritik nahezu einhellig gelobt. Soweit die der Chronistenpflicht geschuldeten statistischen Fakten.

Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik müssen Entscheidungen verhandelt werden

Die Handlung des fünfteiligen Dramas zeigt seine Stärke und Bedeutung für die Gegenwart. Der Wissenschaftler Waleri Legassow (Jared Harris), Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, wird von Michail Gorbatschow mit der Leitung des Untersuchungskommitees zur nuklearen Explosion im Kernkraftwerk Tschernobyl beauftragt.

Gemeinsam mit Boris Schtscherbina (Stellan Skarsgård), 1986 stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR, muss Legassow die unmittelbaren Folgen der Reaktorkatastrophe bewältigen. Im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik müssen Entscheidungen verhandelt werden, die ahnungslos einer unsichtbaren Gefahr ausgesetzte Menschen im direkten Wohnumfeld des Kernkraftwerkes betreffen, aber im Sinne der strategischen Ausrichtung der staatlichen Politik abgewogen werden.

Die unsichtbaren nuklearen Folgen der Explosion lassen das Publikum schaudern

Zu diesem Zeitpunkt ist an eine atomare Wolke über Europa, radioaktiven Niederschlag und belastete Waldpilze noch nicht zu denken. Mal fällt ein Vogel vom Himmel, mal weht Wind durch Kinderhaare. Die unsichtbaren nuklearen Folgen der Explosion lassen das Publikum schaudern, weil es mehr weiß, als die arglose Bevölkerung Prypjats und die erschreckend überforderte politische Führung.

In seiner wissenschaftlichen Herangehensweise unterstützt wird Legassow von der Figur Ulana Chomjuk (Emily Watson), die als fiktive Person die Arbeit von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissen-schaftlern repräsentieren soll, ohne die die Verhinderung eines noch größeren Ausmaßes der Katastrophe undenkbar wäre.

Rund um Prypjat herrscht im Frühjahr 1986 Heldenzeit

Gleiches gilt für die Bergleute aus Tula, die einen Tunnel unter dem Kraftwerk bohren sollen und die tausenden sogenannten Liquidatoren, die den Schutt der Explosion räumen. Rund um Prypjat herrscht im Frühjahr 1986 Heldenzeit, wobei viele in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zu tragischen Helden werden.

Chernobyl erzählt in postfaktischen Zeiten vom Wesen des Faktischen, von notwendigen Antworten auf drängende Fragen und vom Sieg des Willens über die scheinbaren Grenzen der Machbarkeit. Die große Stärke der Miniserie liegt in der bisweilen ernüchternden Erkenntnis, dass es einen Morgen nach der Katastrophe gibt, der erkämpft werden muss und Opferbereitschaft verlangt, aber Szenarien von apokalyptischer Tragweite überdauert.

Autoreninfo

Felix Bethmann

Schreibt für die Berliner Stimme und den Berlin-Teil des Vorwärts