Ulrich Rosenbaum mit einem Bildnis von Willy Brandt.SPD Berlin/Sebastian Thomas

Erinnerungen an einen ganz Großen: Ein letztes Interview mit Willy Brandt

Ulrich Rosenbaum widerfährt in seiner beruflichen Laufbahn als Redakteur etwas, was wohl nur ganz Wenigen vorbehalten ist: die letzten Gespräche mit einem der ganz Großen der deutschen Politik. Ab 1989 bis zu dessen Tod im Oktober 1992 interviewte der damals 44-Jährige immer wieder Willy Brandt.

1989 passierte hinter den Kulissen Denkwürdiges. Friede Springer wollte das Kriegsbeil mit der SPD begraben. Verlagschef Peter Tamm sagte dem SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel und dem Ehrenvorsitzenden Willy Brandt fortan faire Behandlung bei BILD und Co. zu.

Die BILD-Zeitung bekam mit Hans-Hermann Tiedje einen neuen Chefredakteur, der sich auf die Suche nach Journalisten mit SPD-Nähe machte. Da das Klima beim STERN, bei dem ich Hauptstadtkorrespondent war, unerfreulich geworden war, ließ ich mich darauf ein, Vizechef des großen Bonner Büros der BILD zu werden.

Ulrich Rosenbaum führte mit Willy Brandt kurz vor dessen Tod 18 Interviews.
Ulrich Rosenbaum führte mit Willy Brandt kurz vor dessen Tod noch 18 Interviews.

Zur Einordnung: Ich war 1977 vom Berliner SPD-Landesvorstand zum Chefredakteur der BERLINER STIMME gewählt worden. Das war damals noch eine gedruckte Wochenzeitung, die man am Kiosk kaufen konnte. Meine Vorgängerin war Brigitte Seebacher, die es in das Büro des SPD-Vorsitzenden Willy Brandt in Bonn gezogen hatte.

Sie wurde später seine Frau. Ich war nicht ihr Wunsch-Nachfolger in Berlin. 1981 war die BERLINER STIMME nicht mehr finanzierbar. Ich ging zum STERN nach Hamburg, später nach Bonn. Am 1. Oktober 1989 trat ich meinen neuen Job bei BILD an. Der Ruf nach Freiheit wurde in der DDR immer lauter.

Am 18. Oktober wird Erich Honecker gestürzt und Egon Krenz neuer Generalsekretär der SED. Da ruft mich Brandts Büroleiter Klaus Lindenberg an. Ob ich Brandt interviewen wolle? Ich suche den Altkanzler in seinem Büro im ehemaligen „Hotel Tulpenfeld“ auf.

Schon nach den ersten Interviews wollte Brandt den Text gar nicht mehr autorisieren. ‚Sie machen das schon richtig‘, sagte er.

Ulrich Rosenbaum

Was hält er von Krenz? Brandt antwortete: „Ich bin nicht dazu da, dem neuen ersten Mann der DDR Zensuren zu erteilen. Dass er die Sicherheitsorgane zu verantwortungsvollem Verhalten gegenüber den Demonstrationen dieser Tage angehalten hat, verdient anerkannt zu werden.“

Es sollte das erste Interview einer Serie von 18 Gesprächen werden. Schon nach den ersten Interviews wollte Brandt den Text gar nicht mehr autorisieren. „Sie machen das schon richtig“, sagte er. Ein Vertrauensbeweis. Ich begleitete ihn in den nächsten Monaten auch auf seinen Reisen durch die DDR, wo er auf den Plätzen umjubelt auftrat.

Er legte darauf Wert, dass er keinen Wahlkampf machte. Und doch kam es dazu. 120.000 Zuhörer auf dem Leipziger Augustusplatz, die „Willy, Willy“ rufen, volle Plätze in Gotha, Eisenach – Brandt musste an die Wiedergeburt der SPD im Osten glauben.

Klare Antwort auf die Frage nach dem Ausgang der Volkskammerwahl am 18. März 1990: „Ich gehe mit einiger Sicherheit davon aus, dass die Sozialdemokraten die stärkste Partei sein werden.“ Die Enttäuschung, dass es dann anders lief und sich die Massen für Kohl entschieden, ließ er sich nicht anmerken.

So freundlich er auch angenommen wird – seine Gegner unterstellen ihm, dass er nicht an die Wiedervereinigung geglaubt habe. Immer wieder wird ihm der Satz vorgehalten, die Wiedervereinigung sei die Lebenslüge der zweiten Republik. Brandt räumt im Interview ein: „Wenn ich gewusst hätte, wie er missbraucht wird, hätte ich denselben Gedanken vermutlich klarer formuliert.

Anfangs ist es Brandt aber wichtig, dass die Vereinigung mit einer neuen gemeinsamen Verfassung verbunden wird.

Ulrich Rosenbaum

Der Gedanke lautet: Es wird nichts wieder wie es war. Ich bin für Neuvereinigung, es gibt kein Zurück zum Reich oder zu den alten Grenzen. Deswegen zu behaupten, man sei nicht für die deutsche Einheit gewesen, ist eine Zumutung gegenüber jemandem, der sich seit seiner Zeit in Berlin mindestens so sehr wie andere um die Einheit gekümmert hat und der als Kanzler bei den Verträgen mit Moskau 1970 und der DDR 1972 darauf bestanden hat, dass ein Brief zur deutschen Einheit hinterlegt wurde.“

Anfangs ist es Brandt aber wichtig, dass die Vereinigung mit einer neuen gemeinsamen Verfassung verbunden wird. „Ich bin schon allein deshalb dafür, weil die Menschen von der Ostsee bis zum Vogtland auch auf diese Weise das Gefühl vermittelt bekommen sollen, sie haben mitgewirkt an der gemeinsamen verfassungsmäßigen Grundlage.

Im Übrigen bin ich der Meinung, unser Grundgesetz hat sich glänzend bewährt. Es könnte im Großen und Ganzen zur Grundlage genommen werden.“ Ein paar Monate später hat er sich mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik abgefunden. „In Wirklichkeit ist das Tempo von den Menschen selbst beschleunigt worden.

Es gab viele Gründe dafür, den Weg nicht ganz so schnell zu gehen. Aber die Volksstimmung war dagegen.“ Natürlich nimmt Brandt darauf Rücksicht, dass sich am 7. Oktober 1989 im Pfarrhaus von Schwante eine Ost-SPD, die SDP gegründet hat. Für viele ist er ein Vorbild. Im Hintergrund schwelt jedoch ein Konflikt.

Die SDP weist strikt jeden ab, der vorher in der SED war. SPD-Chef Hans-Jochen Vogel unterstützt diese Haltung. Brandt sieht das im Interview weniger rigoros: „Ich verstehe gut, dass strenge Maßstäbe angelegt werden, wo es sich um ehemalige Funktionäre der SED handelt, zumal solche, die Dreck am Stecken haben.

Richtig ist, dass ich an uns alle die Frage gerichtet habe, ob die SPD – so richtig es war, die soziale und die ökologische Frage in den Vordergrund zu stellen – nahe genug am Empfinden des deutschen Volkes in der Frage der deutschen Einheit war.

Willy Brandt

Aber solchen, die hineingepresst wurden in die SED, die um ihrer Existenz willen hineingegangen sind, und auch solchen, die guten Glaubens dabei waren und neue Überzeugungen gewonnen haben, sollte man die Tür nicht vor der Nase zuschlagen.“ Ein Problem für die Sozialdemokratie hat einen Namen: Oskar Lafontaine.

Der Kanzlerkandidat für die erste gesamtdeutsche Wahl im Dezember 1990 steht in dem Ruf, sich nicht für den Osten zu interessieren. Brandt hält still. Mehrfach frage ich nach seiner Meinung über Lafontaine. Kein böses Wort, aber immer nur ein auffallend knapper Satz als Antwort. Als die Wahl am 2. Dezember 1990 zur Katastrophe wird, redet der Ehrenvorsitzende – so wird berichtet – im Parteivorstand, den er sonst nur selten besucht, Tacheles.

Im Interview danach gefragt, ist er diplomatisch: „Richtig ist, dass ich an uns alle die Frage gerichtet habe, ob die SPD – so richtig es war, die soziale und die ökologische Frage in den Vordergrund zu stellen – nahe genug am Empfinden des deutschen Volkes in der Frage der deutschen Einheit war.“ Nicht minder enttäuscht ist er von dem Ergebnis der gleichzeitigen Abgeordnetenhaus-Wahl in Berlin.

„Das war für mich ein richtiger Schock. Momper hat eine gute Figur abgegeben. Aber ich möchte nicht auch noch Salz in die Wunden streuen, denn das war ein richtiges Debakel und nicht nur ein Rückgang um wenige Prozente wie bei der Bundestagswahl. Das zwingt nicht nur zu einer Selbstprüfung, sondern zu einer Reform an Haupt und Gliedern.“

Danach konzentriert sich Brandt wieder auf seine internationalen Verpflichtungen als Vorsitzender der Sozialistischen Internationale. Nach seinem Sommerurlaub 1991 lässt er sich, weil er Schmerzen hat, gründlich untersuchen. Im Oktober wird er in Köln zum ersten Mal am Darm operiert.

Ich hielte eine Verschiebung des Umzugs auf das Jahr 2010 für absurd. Aus dem Beschluss des Bundestages vom Juni 1991 ergibt sich die Pflicht, die Voraussetzung für die Arbeit der Bundesorgane in Berlin zügig zu schaffen.

Willy Brandt

Das erste Interview, das ich nach langer Pause mit ihm machen darf, nutzt er, um erstmals öffentlich seinen Rückzug vom Präsidentenamt der Sozialistischen Internationale anzukündigen. Als er Anfang Mai 1992 aus Lissabon zurückkehrt, quälen ihn auf dem Flug wieder die Schmerzen. Erneut bekomme ich den Anruf, dass er gerne ein Interview geben wolle.

Es scheint wie immer. Ich kann nicht ahnen, dass es das letzte Interview überhaupt sein würde, das Brandt einem Journalisten gibt. Seine Botschaft: „Bundespräsident, Bundeskanzler und Bundestag gehören nach Berlin.“ Einige junge Abgeordnete haben gerade eine Verschiebung des Umzugs ins Spiel gebracht.

Brandt: „Ich hielte eine Verschiebung des Umzugs auf das Jahr 2010 für absurd. Aus dem Beschluss des Bundestages vom Juni 1991 ergibt sich die Pflicht, die Voraussetzung für die Arbeit der Bundesorgane in Berlin zügig zu schaffen.“ Am Tag nach dem Interview begibt sich Brandt wieder in die Kölner Universitätsklinik. Der Versuch, noch einmal zu operieren, wird abgebrochen.

Er wird am 30. Mai nach Hause entlassen. Er tritt nicht mehr in der Öffentlichkeit auf. Am 8. September lässt er seine Teilnahme am Kongress der Sozialistischen Internationale (SI), als deren Präsident er nach 16 Jahren ausscheidet, absagen. Hans-Jochen Vogel verliest am 15. September sein Grußwort.

Am 17. September besucht ihn Spaniens Ministerpräsident Felipe Gonzalez. Drei Stunden später kommt Frankreichs Ex-Ministerpräsident Pierre Mauroys, sein Nachfolger im SI-Vorsitz. Sie trinken ein Glas Wein miteinander. Am 20. September fährt Michail Gorbatschow spontan nach Unkel. Er wird nicht mehr vorgelassen.

Vogel ist am 24. September der letzte Besucher. Am 8. Oktober 1992 um 16.35 Uhr stirbt Willy Brandt im Alter von 78 Jahren in seinem Haus in Unkel am Rhein. Ich habe die traurige Gelegenheit, die Nachricht zuerst zu verbreiten. Am 17. Oktober wird er mit einem Staatsakt im Reichstag zu Berlin geehrt und anschließend auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof im Kreis von Familienangehörigen und Freunden beigesetzt.

Schon zu Ende? Hier geht es weiter mit interessanten Beiträgen aus der BERLINER STIMME.