Mutige Frauen: Welche Sozialdemokratinnen haben Berlin geprägt?

In Berlin sind Frauen leicht im Vorteil – zumindest in der Bevölkerungsstatistik. Ende 2019 lebten hier 1,8 Millionen Männer und 1,87 Millionen Frauen. Bei Anerkennung und Bezahlung liegen Frauen dagegen weiter hinten. Dabei haben Frauen Berlin entscheidend geprägt, darunter viele Sozialdemokratinnen.

Erst 1908 konnten Frauen in Preußen das Recht erkämpfen, sich politisch zu organisieren. Luise Zietz (1865 bis 1922) war zwar schon vorher als Rednerin öffentlich aufgetreten, etwa bei Streiks. 1908 konnte sie nun auch in die SPD eintreten. Ihr Redetalent brachte ihr den Beinamen „weiblicher Bebel“ ein. Als erste Frau in Deutschland wurde sie in einen Parteivorstand gewählt. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts konnte sie 1919 selbst wählen – und gewählt werden.

Bis zu ihrem Tod gehörte sie dem Reichstag an. Dort traf sie auf die Abgeordnete und AWO-Vorsitzende Elfriede Ryneck (1872 bis 1951),  Tochter der  Frauenrechtlerin Pauline Staegemann (1838 bis 1909), die 1873 Mitbegründerin des bald wieder verbotenen Berliner Arbeiterfrauen- und Mädchenvereins war und sich insbesondere für die sozialen Belange der Textilarbeiterinnen stark gemacht hatte.

Die von den Frauen durchgesetzte Änderung der Gewerbeordnung verhinderte, dass die Heimarbeiterinnen Fabrikanten für die nötigen Arbeitsmaterialien überhöhte Preise zahlen mussten. Pauline Staegemann begründete eine spannende sozialdemokratische Familientradition: Urenkelin Jutta Limbach (1934 bis 2016) war ab 1989 im „Frauensenat“ Walter Mompers Justizsenatorin und führte die Justiz in Ost und West zusammen. In ihre Amtszeit fielen die Verfahren zum Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze.  1994 wurde sie als erste und bislang einzige Frau Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts.

Viele Berliner SPD-Politikerinnen haben die Stadt geprägt – zum Teil in schwierigen Zeiten. So wie Annedore Leber (1904 bis 1968), deren Ehemann Julius Leber nach dem missglückten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. In der kleinen Kohlenhandlung in Schöneberg, in der sie mit ihrem Mann arbeitete und die jetzt Gedenkort wird, trafen sich Widerstandskämpferinnen und -kämpfer.

Nach dem Krieg wurde Annedore Leber Stadtverordnete, veröffentlichte Bücher zum Widerstand und war Lizenzträgerin der Tageszeitung „Telegraf“. Wie durch ein Wunder überlebte auch Jeanette Wolff (1888 bis 1976) die Nazizeit. Später, als Bundestagsabgeordnete, kümmerte sie sich um die Belange von NS-Opfern und kämpfte für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen.

Das Berliner Abgeordnetenhaus erinnert jetzt mit einer Broschüre an ihr Leben. Eine Sozialdemokratin prägte die Nachkriegszeit besonders: Louise Schroeder (1887 bis 1957). Als die Sowjets den Amtsantritt des gewählten Bürgermeisters Ernst Reuter verhinderten, führte sie die Stadt als Oberbürgermeisterin durch die schwierige Zeit der Blockade.

1995 bestimmten die SPD-Mitglieder mit der langjährige Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (1942 bis 2020) wieder eine Frau zur SPD-Spitzenkandidatin – 2021 ist es Franziska Giffey. Es gibt viele andere aufzuzählen: die Senatorinnen Ella Kay und Ilse Reichel, die die Jugendarbeit in Berlin prägten, Christine Bergmann, die die SPD in Ost-Berlin mit aufbaute und mit ihrer Arbeitsmarktpolitik die Umbrüche nach der Wende abfederte, die zugewandte Bezirksbürgermeisterin Erika Heß, die „Mutter vom Wedding“ – und viele mehr.

Schon zu Ende? Das muss nicht sein. Hier geht es weiter mit interessanten Beiträgen aus der BERLINER STIMME.

Autor:in

Ulrich Horb

Redakteur der BERLINER STIMME und des Berliner Stadtblatts