Kai Doering

Berliner Stimme 8|2019: Familienförderung vom Kopf auf die Füße gestellt

Gut 15 Prozent der Menschen in Deutschland sind arm oder von Armut bedroht. Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zum Leben zur Verfügung hat oder Leistungen nach dem SGB II erhält. Betroffen sind vor allem Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, Mehrkindfamilien und Familien mit Migrationshintergrund.

Die Armut von Erwachsenen betrifft auch immer die ganz Kleinen der Gesellschaft: Kinder. Von rund 13,3 Millionen Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren sind in Deutschland ungefähr 2,7 Millionen arm- beziehungsweise armutsgefährdet. Auch in Berlin verharrt die Kinderarmut auf einem sehr hohen Niveau und liegt weit über dem Bundesdurchschnitt: knapp 24 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind in Berlin von Armut gefährdet, über 29 Prozent leben in Haushalten, die SGB II beziehen.

Armut grenzt aus, macht krank und vermindert die Zukunftschancen von Millionen Kindern und Jugendlichen.

Zum Vergleich: Im Bund sind es 14,2 Prozent. Das bedeutet, dass in Berlin in jedem dritten Kinderzimmer die Armut mitspielt und dies ist seit Jahren unverändert. Kinderarmut hat ein eigenes Gesicht: Armut grenzt aus, macht krank und vermindert die Zukunftschancen von Millionen Kindern und Jugendlichen. Kinder aus einkommensschwachen Familien, das zeigt nicht zuletzt die AWO-ISS Langzeitstudie, sind schlechter ernährt, leben in beengteren Wohnverhältnissen und sie haben weniger soziale Kontakte.

Ihre Eltern können ihre Erziehungsverantwortung nur unter erschwerten Bedingungen ausüben. Die Folgen sind gravierend: Der Mangel an Einkommen, Ressourcen und Lebensperspektiven für Kinder entwickeln sich zu Bildungs- und Teilhabearmut. Trotz dieser langjährigen Erkenntnisse unternimmt die Bundesregierung nicht genügend, um Armut von Kindern und Jugendlichen zu beseitigen.

Stattdessen werden die Schrauben an einer Vielzahl von Maßnahmen und Leistungen gedreht, die nicht oder nur zum Teil bei denjenigen ankommen, die sie dringend brauchen. Um die Folgen von Kinderarmut zu beheben und langfristig allen ein chancengerechtes Aufwachsen zu ermöglichen, brauchen Kinder und ihre Familien ein ganzes Set an Rahmenbedingungen: Eltern brauchen gute und existenzsichernde Arbeit, Familien brauchen Zeit füreinander und es müssen gute und armutssensible Kitas und Schulen bereit stehen.

Damit gesellschaftliche Teilhabe gelingt, braucht es mehr Geld für arme Familien.

Wir dürfen aber nicht vergessen: Damit gesellschaftliche Teilhabe gelingt, braucht es mehr Geld für arme Familien. Seit 2009 setzt sich das Zukunftsforum Familie daher gemeinsam mit einem breiten Bündnis aus Verbänden, Gewerkschaften, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür ein, die gegenwärtige Familienförderung vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Das bürokratische und sozial ungerechte System aus Kindergeld, Kinderfreibeträgen und Hartz-IV-Regelsätzen soll durch eine Kindergrundsicherung in Höhe von aktuell 628 Euro pro Kind und Monat ersetzt werden und einkommensabhängig ausbezahlt werden. Wir sind mit unserer Forderung nicht mehr alleine: seit kurzem liegen gute Konzepte von der SPD, den Grünen und den Linken vor. Das macht uns stark im Kampf gegen Kinderarmut.

Nachtrag der Redaktion: Die SPD hat auf ihrem Bundesparteitag Anfang Dezember unter anderem die Forderung nach einer Kindergrundsicherung beschlossen. Mehr dazu erfährst du hier.

Autoreninfo

Christiane Reckmann

Christiane Reckmann ist Vorsitzende des Vereins Zukunftsforum Familie

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