Fachausschuss XII: Kulturpolitik

Fachausschuss Kulturpolitik

Der Fachausschuss Kulturpolitik hat die Aufgabe, politische Rahmenbedingungen für die einmalige Kulturlandschaft Berlins im Sinne der sozialdemokratischen Kernthemen zu gestalten und mit den vorhandenen Potenzialen zukunftsgewandte Positionen und nachhaltige Konzepte zu erarbeiten.

Der Fachausschuss steht im versierten Dialog mit Experten und Expertinnen aus der Politik, kulturpolitisch Interessierten und den Akteurinnen und Akteuren aus Kunst und Kultur. Dazu bietet der Fachausschuss Diskussionsrunden und öffentliche Veranstaltungen an.

Neben den fachlich ausgewiesenen SPD-Mitgliedern und ExpertInnen aus der Stadtgesellschaft ist die Mitarbeit im Fachausschuss für interessierte und thematisch angebundene Nichtmitglieder offen.

Vorstand

  • Vorsitzende:
    Barbara Anne Scheffer
  • Stellvertreter*innen:
    Wibke Behrens
    Ingo Siebert
  • Schriftführer:
    Martin Kromm
  • Beisitzer*innen:
    Dr. Catrin Gocksch
    Dr. Marianne Suhr
    Karen Margolis
    Dr. Ursula Walker
    Rainer Klemke
    Dr. Siegfried Heimann
    Yves Clairmont
    Robert Nemack

Kontakt

zielgruppen.berlin@spd.de

Musikschulbeirat:

Die Vorsitzende des FA XII Kulturpolitik, Barbara Anne Scheffer, ist Mitglied im Musikschulbeirat und vertritt die SPD Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Termine und Veranstaltungen

Anträge 2019

Protokolle

Umfrage in den Bezirken zur Kulturarbeit

Rechenschaftsberichte

Berichte

Besuch der Spandauer Zitadelle des SPD-Fachausschusses Kulturpolitik am 15. Mai 2019

Der Fachausschuss XII. Kulturpolitik/ SPD-LV hat als Sommertermin zum 15. Mai 2019 in die Zitadelle Spandau eingeladen. Nach herzlicher Begrüßung durch die Vorsitzende Barbara Scheffer und dem Fachbereichsleiter Kultur im Bezirksamt Spandau, Herrn Dr. Ralf F. Hartmann, wurden wir durch Herrn Hartmann hoch professionell auf unserem Gang durch die wunderbaren Ausstellungen begleitet.

Die Zitadelle Spandau ist vollständig restauriert worden und es stehen für den Museumsbereich, wie für Ausstellungen, sehr viele neue Flächen zur Verfügung. Wir begannen mit der Ausstellung “Enthüllt! Berlin und seine Denkmäler”. Vom Aufstieg Preußens vor 1871 bis zum Mauerfall erstreckt sich die in fünf Zeitstufen gestaffelte Monumentalausstellung von rund 100 Berliner Denkmalen, die im Laufe der Zeit versetzt, umgestaltet, beschädigt, abgebaut und in Depots verbannt oder sogar vergraben wurden. Sie sollen die Geschichte der Stadt erzählen. Die folgende Skulpturenausstellung im Haus 8 der Zitadelle ist berlinweit einzigartig. Skulpturen von mehreren 100 Jahren sind dort ausgestellt. Eine besondere Attraktion ist der liegende Kopf des Ost-Berliner Lenin-Denkmals von Nikolai Tomski von 1970. Sehr beeindruckend.

Kopf des Lenin-Denkmals von Nikolai Tomski

Ergänzt wird die Dauerausstellung durch zwei Sonderausstellungen, einer Vertiefungsebene und einer zeitgenössischen Darstellung durch neun Künstlerinnen und Künstler aus Berlin und dem europäischen Ausland, u.a. die hervorragenden neuen Ausstellungen mit Malereien der Leipziger Schule (u.a. Bernhard Heisig und Neo Rauch) und die wunderbare Retrospektive “Clemens Gröszer-Die Portraits”. Es war ein lehrreicher und spannender Gang durch die Berliner Kulturgeschichte.

Mitglieder des Fachausschuss Kulturpolitik in der Spandauer Zitadelle

Nach einem abschließenden Besuch im Juliusturm mit einem hervorragenden Blick über Spandau bedankte sich der Vorsitzende der SPD-Fraktion Spandau und Mitglied im SPDFachausschuss Kultur Christian Haß bei Dr. Hartmann für die gute kulturpolitische Begehung. Anschließend zog sich der Fachausschuss zu einer lebhaften Diskussion in die zünftige Schänke der Zitadelle zurück.

Das Humboldt-Forum – so authentisch wie der Kölner Dom?

Der Fachausschuss XII Kulturpolitik hat am 9. Juli 2018 zu einer Besichtigung des Humboldt-Forums eingeladen. Unter der Führung von Herrn Wilhelm von Boddin, Geschäftsführer des Fördervereins für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, erlebten wir einen Rundgang voller Geschichte mit Blick auf ein zukünftiges erstrangiges kulturelles Zentrum im Mittelpunkt Berlins.

Der SPD-Fachausschuss Kulturpolitik besichtigt die Baustelle des Humboldt-ForumsScheffer

Seit dreißig Jahren setzt sich Wilhelm von Boddien, ursprünglich Landmaschinenhändler aus Schleswig-Holstein, für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses ein. Nun steht er vor der mit von ihm aufgetriebenen Spendenmitteln finanzierten Schlossfassade voller Stolz über die Verwirklichung seines Lebenstraums und erläutert überaus sachkundig am 9. Juli 2018 dem Fachausschuss Kultur beim Landesvorstand der SPD, was hier völlig unberlinerisch termin- und kostengerecht der Fertigstellung im kommenden Jahr entgegen gebaut wird.

Baustelle Humboldt-ForumMargolis

Den kritischen Blicken und Fragen entgegenarbeitend erläutert er die engen Bezüge zu den nach dem Schloss erbauten Umgebungsbauwerke wie den Dom, das Alte Museum, die Alte Nationalgalerie etc., die mit ihren Achsen kongenial auf den Schlossbau abgestimmt sind und in den Sichtachsen der Portale bzw. den Linden stehen. Erst durch den Wiederaufbau des Schlosses entstünde ein städtebauliches Ganzes, werde die Wunde des Weltkrieges und des Abrisses unter SED-Regie geheilt. Deshalb sei die Authentizität bei der Rekonstruktion der Fassade so entscheidend. Da liege der Vergleich zu den großen Kathedralen wie z.B. dem Kölner Dom nahe, wo die Fassadenelemente immer wieder neu eingebaut werden müssen, wenn der Zahn der Zeit und die Witterung den weichen Sandstein zernagt hätten. Der Unterschied läge allein darin, dass hier die ganze Fassade komplett nach dem originalen Vorbild neu geschaffen werden musste. Dabei galt es 400 künstlerische Schmuckelemente neu zu schaffen. Abgeformt von Originalteilen, die sich z. T. in öffentlichen Sammlungen, aber auch in privaten Gärten und Schuttdeponien gefunden haben, wurden sie mit 3-D-Druckern aus dem originalen sächsischen Sandstein zu 90 % herausgefräst und dann abschließend in der Bauhütte von Steinmetzen künstlerisch individualisiert fertiggestellt. Hilfreich war dabei auch eine Fotodokumentation vor der Sprengung, aus der per Computer die gesamte Fassade neu berechnet werden konnte, da keine bauzeitlichen Unterlagen mehr vorhanden waren. Später habe man allerdings Unterlagen der Steuerbehörde gefunden, die seinerzeit den Hebesatz aus der Grundfläche berechnete und daher genaue Vermessungen vorgenommen hatte. Diese Unterlagen ergaben, dass die Computerberechnungen mit diesen Erhebungen nahezu deckungsgleich waren. Die z. T. 10 t schweren Sandsteinblöcke, die bauzeitlich wie die Pyramidenbauteile auf Hölzern zur Elbe gerollt und dann per Schiff 14 Tage lang nach Berlin getreidelt wurden, wurden jetzt wieder so, wie sie aus dem Berg geschnitten wurden, in der ursprünglichen Ausrichtung eingebaut, damit es keine kapillaren Wasserwege innerhalb der Steine gibt, die deren Festigkeit beeinträchtigen könnten.

Nicht nur die Schmuckelemente des Bildhauer-Baumeisters Andreas Schlüter seien so quasi wie original, sondern auch die Fassadenfarbe. Deren Farbton sei einem von Margarete Kühn, der Verantwortlichen für den Wiederaufbau des Schlosses Charlottenburg, im dortigen Trümmerfeld und gut verwahrten Fassadenelement entnommen und würde nun die verputzte Klinkerfassade so schmücken, wie in der Bauzeit. Überhaupt handele es sich um einen Niedrigenergiebau wegen der dem Betonbau vorgesetzten Originalfassade, obwohl ein Drittel der Gebäudefläche von den u. a. für den Museumsbetrieb erforderlichen Technikeinbauten benötigt werde. Ursprünglich hatte der König in seinem Schloss, das vornehmlich im Winter genutzt wurde, sehr gefroren und deshalb die Fenster verkleinern lassen. In seinem Ohrensessel saß er dann mit dem Rücken zum Fenster vor dem Kamin, sodass die Strahlungswärme durch die Sesselform für den immer fröstelnden Herrscher eingefangen werden könnte.

Mit einiger Genugtuung verweist von Boddien darauf, dass das in das Staatsratsgebäude eingebaute Portal, von dem aus Karl Liebknecht die Republik ausgerufen haben soll, nicht das tatsächliche ist, weil das historische ein anderes war. In die neue Fassade sind aber zahlreiche Fassadenteile des alten Schlosses eingebaut und nicht bearbeitet worden, diese weisen teilweise noch Kriegsspuren auf. Er bedauert aber, dass die ursprünglich vorhandene Pferdetreppe, auf der der König zu seinen Gemächern heraufgeritten ist, nicht mit rekonstruiert wurde. Die Pferde wurden von der Schweizer Garde aus der preußischen Enklave in der Schweiz versorgt und bei Glatteis wurde der König von ihnen in einer Trage zu seinen Gemächern transportiert.

Entsetzt zeigte sich von Boddien von dem Plan des Landes Berlin, die moderne Ostfassade des Schlosses mit seinem Café mit einer Mauer am Spreeufer von der Aussicht auf den Fluss abzuschneiden. Diese Aussicht war Bestandteil des Architekturentwurfes von Franco Stella. Während z. B. bei den Bundestagsbauten Stufen direkt zur Spree hinab gehen ohne eine weitere Begrenzung, würde hier der Blick vom und zum Schloss verbaut werden. Ebenfalls bedauerlich findet von Boddien, dass der, leider nicht mehr originalgetreue Neptunbrunnen von Reinhold Begas als größte und bedeutendste Brunnenanlage Berlins, trotz in Aussicht gestellter Bundesfinanzierung, nicht restauriert an den Originalstandort auf den südlichen Schlossplatz zurückkehren soll. Die Berliner nannten den Brunnen seinerzeit übrigens „For(c)kenbecken“, in Anspielung auf den damaligen Bürgermeister Forckenbeck und die „Forke“ des Neptun. Anders als der rot-rot-grüne Senat sprechen sich nur 37% der Berliner*innen für den Verbleib am gegenwärtigen Standort aus. Die vier Frauengestalten auf dem Brunnenrand, die vier große deutsche Ströme (Rhein, Oder, Elbe, Weichsel) allegorisch darstellen, sind angeblich die einzigen Berlinerinnen, die im Berliner Volksmund „den Rand halten“ können. „Begas, Begas, hast een wahret Wunder vollbracht, hast de ersten Berlinerinnen jeschaffen, die den Rand halten!“

Der Fachausschuss besichtigt die Baustelle des Humboldt-ForumsKlemke

“Die Säule von Cape Cross – Koloniale Objekte und historische Gerechtigkeit”

Rückgabe als Versöhnung?

Am 7. Juni 2018 eröffnete das Symposium „Historische Urteilskraft“ im Deutschen Historischen Museum“, es war der Beginn einer neuen Veranstaltungsreihe über umstrittener Exponate in Museen.  Beim Betreten des Deutschen Historischen Museums (DHM) fällt einem sofort eine Wappensäule aus Namibia ins Auge. Sie bildet das Hauptobjekt bei der Tagung, die Säule von Cape Cross. Sie ist aus dem 15.Jahrhundert, der Zeit der portugiesischen Herrschaft in Namibia und ging im 19.Jh. in deutschen Besitz über. Die Säule von Cape Cross wurde ins Deutsche Kaiserreich verfrachtet und ist heute in der DHM-Dauerausstellung zu sehen.

Mit der Tagung “Historische Urteilskraft im Deutschen Historischen Museum“ eröffnete DHM Direktor Raphael Gross eine Veranstaltungsreihe, die weitreichende kulturpolitische Folgen haben könnte. Staatsministerin für Kultur Monika Grütters (CDU) begrüßte seine Initiative als „eine neue Art historische Aufarbeitung für ganz Deutschland“. Die Frage von Verantwortung für historisches Leid und Ungerechtigkeit gelte auch für das neue Humboldt-Forum „und dem Anspruch, Berlin als eine „Hauptstadt der Weltkultur“ zu etablieren, fügte sie hinzu. Gross betonte die künftig größere Bedeutung von Provenienz-Forschung und befürwortet kontroverse Debatten über den Umgang mit Exponaten. Der namibische Botschafter Andreas Guibeb sprach in seiner Rede von der Notwendigkeit, einen Rahmen auf Staatsebene für die Rückgabe und Heimkehr von der Säule und anderen „historisch deplatzierte“ Objekten in deutschen Sammlungen zu entwickeln. „Wir wollen die Zukunft besser gestalten als die Vergangenheit,“ sagte er. Rückgabe wäre dabei eine „Geste der Versöhnung“.

Wie in vielen Museen und Orten in der ganzen Welt kamen zahlreiche Objekte nicht durch rechtmäßigen Ankauf oder Erwerb in deutsche Sammlungen. Koloniale Plünderungen, Kriegsbeute, Raubgut, Betrug und anderen Gewalttaten spielten oft eine wichtige Rolle. Die Leiterin der Bibliothek der Universität Namibia, Ellen Ndeshi Namhila, warnte auf der Tagung vor rassistischen Vorurteilen, etwa der Behauptung, dass Museen in ehemaligen Kolonien nicht fachgerecht mit wertvollen Kulturgüter umgehen könnten. Als Beispiel zitierte sie die Tagebücher von Hendrik Witbooi, eines Helden des namibischen Widerstandes gegen die deutsche Herrschaft 1904 -1905. Ellen Namhila beschrieb eindrucksvoll den Weg der Witbooi-Tagebücher in den früheren 20.Jh – vom kolonialen Raubgut zum UNESCO Weltdokumentenerbe.

In der abschließenden Diskussion wiesen Fachreferenten aus Namibia und Deutschland auf eine eher moralisch als völkerrechtliche Pflicht zum Handeln in Sache fragwürdiger Exponate hin, besonders angesichts der Schuld an dem Genozid an den Herero und Nama durch deutsche Kolonialtruppen in 1904-1905.

Bis heute hat Deutschland keine Kompensation an die Nachfahren der Ermordeten bezahlt. 

Karen Margolis/ Barbara Anne Scheffer, Fachausschuss Kulturpolitik