Weltweit steht die Forschung zur Frauengesundheit noch am Anfang. Medizinische Studien und Therapien orientieren sich noch immer überwiegend am männlichen Durchschnittspatienten. Die Folge: Krankheiten bei Frauen werden häufig später erkannt, Symptome anders bewertet oder Therapien weniger präzise angewendet. Berlin soll einen Beitrag leisten, das zu ändern und sich zum Weltzentrum für Frauengesundheit entwickeln. Der SPD-Spitzenkandidat und designierte Landesvorsitzende Steffen Krach hat dazu gemeinsam mit der Expertin Prof. Dr. Mandy Mangler, der designierten Landesvorsitzenden Bettina König, sowie den beiden Landesvorsitzenden der SPD Frauen Berlin, Marie Scharfenberg und Ana-Maria Trasnea, ein entsprechendes Strategiepapier vorgestellt.
Eine moderne Medizin muss geschlechtstypische Unterschiede stärker berücksichtigen und individualisierte Behandlungsansätze systematisch in Forschung, Ausbildung und Versorgung integrieren. Durch Erkenntnistransfer aus der Forschung in die Praxis soll die medizinische Versorgung von Frauen deutlich verbessert werden. Darin liegt auch eine Chance für Berlin: Mit der Entwicklung innovativer Diagnostik, moderner Therapien und medizinischer Produkte kann sich Berlin international noch stärker als bisher als führender Gesundheitsstandort positionieren und auch die eigene Wirtschaftskraft stärken.
Das Papier beinhaltet zudem Maßnahmen zur verbesserten Behandlung bei der reproduktiven Medizin und Geburtshilfe. Insbesondere soll auch die Unterstützung bei Schwangerschaftsabbrüchen, sowie für Frauen als Opfer sexualisierter und häuslicher Gewalt ausgebaut werden.
Bettina König betont: „Wir wollen einen gleichen und gerechten Zugang zur Medizin für alle und den Gender Health Gap endlich schließen. Unser Ziel ist, dass geschlechtersensible Medizin endlich im Alltag ankommt – von der Ausbildung unserer Ärztinnen und Ärzte bis hin zur gezielten Erforschung von Krankheiten. Gleichzeitig stärken wir die Versorgung rund um Schwangerschaft und Geburt und schaffen auch mehr Selbstbestimmung, indem wir den Zugang zu Beratung und Schwangerschaftsabbrüchen flächendeckend und ideologiefrei gewährleisten. Auch ein besserer Schutz von Frauen vor Gewalt ist Teil unseres Ansatzes, indem wir die medizinische Versorgung, Spurensicherung und Nachsorge in allen Berliner Krankenhäusern verbindlich ausbauen wollen.“
Steffen Krach erklärt: „Frauengesundheit wurde viel zu lange vernachlässigt. Das müssen wir ändern und genau hier ansetzen, um medizinischen Fortschritt und gesundheitliche Gerechtigkeit zu verbinden. Berlin hat mit der Charité Unimedizin, den Vivantes Kliniken, einer starken Gesundheitswirtschaft und der dynamischen Start-up Szene beste Voraussetzungen, um dabei eine führende Rolle einzunehmen. Wir wollen Berlin zum weltweiten Zentrum für Forschung, Innovation und Versorgung für Frauengesundheit machen. Passgenaue Therapien und Medikamente ‘Made in Berlin’ für Frauen in der ganzen Welt, das ist unser Anspruch.“
Zentrale Maßnahmen der Strategie
- Wir begrüßen und unterstützen den Vorstoß der Ärztekammer Berlin, Gendermedizin zum Teil des Medizinstudiums und der Weiterbildung unserer Ärztinnen und Ärzte zu machen und sie flächendeckend zur präventiven Medizin, Sensibilität für geschlechtsspezifische und individuelle Krankheitsverläufe in Medizin und Forschung und reproduktiver Gesundheit fortzubilden. Die Biologie der Frau und damit die Gesundheit und deren Erhaltung ist fundamental anders als die des Mannes. Nur wenn wir das Wissen und damit arbeiten, können wir für alle Geschlechter gute und personalisierte Medizin machen.
- Frauenspezifische Gendermedizin, Herz-Kreislauf-Medizin, Krebserkrankungen und Krankheiten wie Endometriose, Adenomyose und hormonelle Entwicklungen wie Menopause oder Pre-Menopause müssen mehr gesellschaftliche Akzeptanz und Bekanntheit sowie größere Aufmerksamkeit in der Forschung bekommen. Deswegen machen wir diese Felder zu Schwerpunkten der Berliner Forschungsstrategie. Wir schaffen spezialisierte Professuren für Frauengesundheit, die mit relevanten Forschungsbudgets ausgestattet werden und fördern somit Innovationen. Mit einem eigenen Institut für Frauengesundheit mit medizinischem und technologischem Know-How wollen wir auch in der Medizintechnik für Frauen führend werden und die erforschten Potenziale direkt durch enge Kooperation mit Berliner Unternehmen und der Start-up Szene hier vor Ort in Anwendung und Wertschöpfung überführen.
- Gleichzeitig stärken wir reproduktive Medizin und Geburtshilfe. Unser Ziel ist die 1:1-Betreuung im Kreißsaal. Wir werden Hebammenarbeit weiter finanzieren und strukturelle Rahmenbedingungen verbessern. Dazu gehören der Ausbau der Hebammenstudiengänge, mehr Praxisplätze und ein Master-Studiengang Geburtshilfe. Dazu stärken wir geburtshilfliche Verflechtungen im Alltag und die Idee von Geburtshilfe auch außerhalb der Krankenhäuser, zum Beispiel durch die bessere Finanzierung und den Ausbau von Babylotsinnen.
- Für den sozialen und ökonomischen Erfolg in der Frauengesundheit überwinden wir konservative Denk- und Handlungsverbote. Wir erhalten die vielen Beratungsstellen in Berlin, die die Schwangerschaftskonfliktberatung durchführen. Gleichzeitig fehlt es an Orten, die ideologiefrei Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Deswegen wollen wir darauf hinwirken, dass Schwangerschaftsabbrüche in allen Krankenhäusern mit gynäkologischen Stationen möglich sind. Medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche sollten auch dezentral, z. B. durch Hausärztinnen und -ärzte begleitet werden können. In der Aus- und Weiterbildung von Ärztinnen und Ärzten sollen Schwangerschaftsabbrüche fester Bestandteil sein. Wir werden uns aus diesem Grund dafür einsetzen, dass dieser Punkt im Rahmen der Änderung der Ärztlichen Approbationsordnung, für die der Bund zuständig ist, aufgenommen wird.
- Ein Großteil der Gewaltopfer sind Frauen, insbesondere bei sexualisierter und häuslicher Gewalt. Wir bauen die vertrauliche Spurensicherung aus, so dass alle Notfallkrankenhäuser mit Fachrichtung Gynäkologie diese durchführen können und erwarten, dass alle Berliner Krankenhäuser Opfer sexualisierter Gewalt nach einem einheitlichen Behandlungsleitfaden behandelt, der auch die psychologische Nachsorge umfasst. Wir stärken zudem die Täterprävention.
