Dr. Maren Urner: Schluss mit dem täglichen WeltuntergangDroemer

Berliner Stimme 5|2019: Trocken bleiben in der Nachrichtenflut

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Maren Urner beschreibt in ihrem neuen Buch, wie wir durch ständigen Zugang zu Medien eine unrealistische, negative Sicht auf die Weltlage entwickeln – und bietet Lösungsansätze

Morgens schon gilt einer der ersten Blicke dem Smartphone: Nachrichtenwebsites, Wetter-Apps, soziale Netzwerke. Musste man früher auf die Tagesschau warten, um einen Überblick über das weltweite Nachrichtengeschehen zu erhalten oder die Tageszeitung aufmerksam lesen, erhält man heute Eilmeldungen aufs Handy und bekommt Überschriften in die Timeline gespült. Bestehende Meinungen verfestigen sich durch die eigene Filterblase, die als Echokammer fungiert.

Dr. Maren Urner ist Dozentin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln und Mitbegründerin des ersten werbefreien Online-Magazins für Konstruktiven Journalismus, Perspective Daily. In ihrem Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren.“ beschreibt sie, wie unsere Aufmerksamkeit auf negative Nachrichten gelenkt wird und wie sich dadurch unser Weltbild verzerrt.   Mitunter könnte man meinen, wir seien nur so umgeben von Terror, Kriegen und Naturkatastrophen. Passiert etwas Schlimmes in der Welt, sind wir heutzutage zu jeder Tages- und Nachtzeit problemlos live dabei. Ein paar Klicks genügen und wir haben Zugriff auf Nachrichten in Echtzeit, Spekulationen, Gerüchte. Hinzu kommen Überschriften, die uns dazu anhalten sollen, auf Artikel zu klicken. Eine scheinbar in der Überschrift angelegte Nachricht wird so auch ohne Kenntnis des eigentlichen Inhalts eines Artikels schnell zum Fakt. 

Durch die Art, wie wir Berichterstattung konsumieren, entwickeln wir laut Urner gesamtgesellschaftlich ein „Gefühl der antrainierten Hilflosigkeit“, das uns mit negativen Gefühlen allein lässt und Verdrossenheit befördert.     Fakt ist aber auch, dass sich die Welt in vielen Bereichen mitnichten so negativ entwickelt, wie unsere Wahrnehmung suggeriert. Seit 1970 ist die Anzahl der Toten durch Naturkatastrophen auf weniger als die Hälfte gesunken, die Kindersterblichkeit ist seit 1990 um 56 Prozent gesunken und 80 Prozent der erwachsenen Menschen weltweit können lesen und schreiben. Dies sind nur einige Beispiele für positive Entwicklungen, die wir kaum wahrnehmen, wie Befragungen zeigen. 

Die gleichen Methoden, die wir verwenden, wenn wir Nachrichten konsumieren, können uns aber auch dabei helfen, diese kritisch einzuordnen und anhand unserer Vernunft abzuwägen. Wie keine Generation zuvor sind wir in der Lage, Quellen zu überprüfen. Ein paar wenige Klicks reichen, um vermeintliche Nachrichten als Fake News zu entlarven oder Argumentationslinien gegeneinander abzuwägen. Es gibt Websites, die sich darauf spezialisiert haben, populäre Verschwörungstheorien zu dekonstruieren.

Wir besitzen eine Eigenverantwortung für unseren Umgang mit Medien und die Art und Weise, wie wir die Welt um uns sehen (wollen). Sich selbst zu hinterfragen, Ignoranz als solche zu erkennen und bewusst abzubauen und andere Sichtweisen aktiv zu erfragen sind Wege, diese Eigenverantwortung wahrzunehmen. Es gehört zur Stärke des Buches, nicht nur eine Analyse der mitunter nachdenklich stimmenden Wirklichkeit unseres Medienkonsums zu liefern, sondern auch Lösungsansätze aufzuzeigen, die uns dabei helfen können, nicht in Panik und Schwarz-Weiß- Denken zu verfallen.

Dr. Maren Urner: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang

Dr. Maren Urner: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang Klappenbroschur Droemer HC, 224 Seiten ISBN: 978-3-426-27776-8 16,99 Euro
als E-Book: Droemer eBook  ISBN: 978-3-426-45413-8 14,99 Euro  

Autoreninfo

Felix Bethmann

Schreibt für die Berliner Stimme und den Berlin-Teil des Vorwärts