Ana-Maria TrăsneaSPD Berlin/Sebastian Thomas

Vorwärts Berlin 04/2020: “Frauen werden ständig hinterfragt”

Ana-Maria Trăsnea ist 26 Jahre alt und tanzte quasi in die SPD am 1. Mai 2013. Sie ist die zweite persönliche Referentin der Staatssekretärin für Jugend und Familie in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. Außerdem engagiert sie sich als Bezirksverordnete in Treptow-Köpenick. Momentan schreibt sie an ihrer Masterarbeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

vorwärtsBERLIN: Warum bist du in die SPD eingetreten?

Ana-Maria Trăsnea: Ich bin 2007 von Rumänien nach Deutschland gekommen. In dieser Zeit konnte ich sehen, wie weniger privilegierte Familien von Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit profitieren. Ich habe mich sechs Jahre lang im Bezirk in zivilgesellschaftlichen Projekten engagiert.

Irgendwann hatte ich so ein Sättigungsgefühl: Ich wollte nicht mehr nur organisatorische Dinge erledigen, sondern aktiv mitgestalten und politisch mitbestimmen. Wie es der Zufall will waren in diesen zivilgesellschaftlichen Projekten viele Jusos unterwegs. Da hat es gepasst und dort fand ich mich mit meinen Werten am meisten wieder.

Warum bist du ehrenamtlich tätig – mal unabhängig von deinen verschiedenen Funktionen bei der SPD?

Wenn Menschen Hilfe brauchen übernehme ich schnell Verantwortung, eben damit es diesen Personen besser geht. Ich möchte einfach meinen Beitrag leisten, damit Dinge besser werden. Sicher klingt das sehr nach Nächstenliebe, doch ich möchte mich für etwas einsetzen. Es soll etwas zählen, dass ich mein Leben gelebt habe. Ich glaube daran, dass wir unsere Umwelt mit jedem Beitrag ein klein wenig besser machen können.

Thematisch ist es natürlich meine Erfahrung als Migrantin in der Schule. Hier hatte ich ein Gefühl nicht dazu zu gehören, wurde teilweise gemobbt und musste mich an vielen Stellen durchsetzen.

Daher sind mir neben Gleichstellung die Themen Migration, Integration und Antirassismus wichtig. Außerdem war während meiner Schulzeit die demokratische Kultur an der Schule ein Thema: Es war ein krasser Unterschied zwischen meiner Zeit in Rumänien – bis zu meinem 13. Lebensjahr war ich dort – und Deutschland.

Da gibt es zwar auch Klassensprecherinnen und Klassensprecher, jedoch hast du keine Struktur wie in Deutschland, dass man mit den Eltern sowie den Schülerinnen und Schülern und der Schulleitung beispielsweise über den Namen der Schule oder das anstehende Sommerfest diskutiert. An dieser Stelle hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Es zählt, dass du dich engagierst.

Im Nachhinein habe ich während meines Studiums durch mein Erasmus-Jahr in Spanien ein weiteres drittes Thema entdeckt und zwar Gleichstellung. Für das was ich mache, sind das meine inneren Antriebe.

Demnach bist du in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) für die Themen Migration, Integration, Gleichstellung und …

… Kinder- und Jugendpolitik verantwortlich, ja. Mir ist es wichtig, dass junge Menschen eine Stimme haben. Ich bin die Jüngste in der BVV und vermute, dass ich dadurch authentisch für dieses Thema eintreten kann. Es ist meiner Meinung nach ein Unterschied, ob da eine Politikerin, ein Politiker vor dir steht, die beziehungsweise der 60 Jahre oder älter ist oder eben ein junger Mensch.

Wenn ich zum Beispiel in eine Schule gehe und dort mit den Verantwortlichen spreche, merke ich einfach, dass ich nochmal ganz anders motivieren kann, weil ich so jung bin.

Gerade das Thema Gleichstellung ist für dich ein wichtiges Thema – warum?

Der Bezirk Treptow-Köpenick war im Hinblick auf Gleichstellung ganz lange eine Lückenlandschaft. Ich habe gemerkt, dass ich noch richtig was rausholen kann. Die Fraueninfrastruktur war bis zu diesem Zeitpunkt personell und finanziell nicht gut ausgestattet.

Danach haben wir richtig viel Geld in die Hand genommen und das Frauenzentrum aufgebaut sowie die Anti-Gewalt-Beratungsstelle und das Netzwerk für Alleinerziehende gestärkt. Ich habe bei diesem Thema einfach das Gefühl, dass ich kommunalpolitisch mehr bewegen kann.

Sind denn Frauen deiner Meinung nach zu wenig in der Politik vertreten?

Auf jeden Fall und das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es die niedrige Mitgliederzahl, das heißt es gibt in Parteien mehr Männer als Frauen. Zum anderen engagieren sich Frauen sehr wohl, nämlich zivilgesellschaftlich, also beispielsweise als Elternvertreterinnen in der Schule. Die Frage ist: Wie attraktiv sind Parteien?

Das hat auch etwas mit den gewachsenen Strukturen zu tun: Ein Feierabendbier und bis 21 Uhr sitzen ist für eine Frau eher weniger attraktiv. Darüber hinaus hat es auch etwas mit der Ansprache zu tun, also zum Beispiel muss man Frauenförderung innerhalb einer Partei auch ernst meinen und nicht zwei Wochen vor einer Wahl überlegen, ob man nicht doch eine Kandidatin in den eigenen Reihen hat und aufstellen kann, um am Schluss festzustellen: Wir haben keine.

Ich denke, dass Frauen in der Politik sind, um andere Themen ins Spiel zu bringen. Sie bewerten verschiedene Themen auch ganz anders, also welches wichtig sein könnte und welches nicht.

Du hast gerade das Feierabendbier erwähnt und das Zusammensitzen bis 21 Uhr: Was meinst du hindert Frauen noch, sich in der Politik zu engagieren?

Männer sind in der Politik durch eine lange Tradition schon immer dabei. Demnach werden sie auch per se als diejenigen anerkannt, die kompetenter für politische Ämter sind. Einem Mann wird einfach mehr zugetraut. Frauen werden eher soziale Themen zugeschrieben. Sie werden ständig hinterfragt und müssen meist 20 Prozent mehr leisten, um als gleichermaßen kompetent wahrgenommen zu werden.

Gehen denn Menschen in der Politik anders auf dich zu, eben weil du jung und eine Frau bist?

Ich habe es vor allem am Anfang der Legislaturperiode gemerkt. Da haben sich dann einige AfD-Fraktionäre im Ton vergriffen. Gerade die Themen Gleichstellung und Migration sind ja aus Sicht der AfD umstritten. Da kommt es im Plenum schon mal zu kritischen Debatten. Wenn ich dann für meine Fraktion das Wort ergreife und mich mit CDU, FDP und AfD auseinandersetze, bekomme ich aus dieser Richtung sehr schnell gesagt, dass ich zu hysterisch mit dem Thema Gleichstellung umgehe oder wie realitätsfern das wäre.

Dabei ist eine Sache immer offensichtlich: Auf meine Argumente wird kaum bis gar nicht eingegangen. Eher achten die Fraktionäre dieser Parteien in welcher Tonlage ich spreche und wie ich auftrete. Oft braucht es in so einer hitzigen Debatte noch einmal die Unterstützung meines Kollegen Paul Ballmann, der meine Argumente dann noch einmal verstärkt in den Vordergrund bringt, damit diese bei der Gegenseite ankommen. Das ist nicht fair.

Ansonsten bereite ich mich intensiv auf solche Debatten vor. Ich gehe auch weniger emotional vor, sondern versuche immer faktenbasiert zu argumentieren. Das ist zwar aufwendiger, doch ich versuche mich auf die Fakten zu konzentrieren oder auf meine Erfahrungen, die ich vor Ort gesammelt habe. Mit der Zeit habe ich auch gelernt, mir die Kritik weniger zu Herzen zu nehmen.

Wie viele Frauen sitzen in der BVV?

Die SPD-Fraktion hat 16 Bezirksverordnete, davon sind acht Frauen. Die Links- und die Fraktion der Grünen sind ebenso paritätisch besetzt. Die CDU hat gar keine, die AfD immerhin eine Frau.

Wie sieht denn dein Alltag als Bezirksverordnete aus?

Der Job als Bezirksverordneten ist Feierabendpolitik, das heißt vorher bin ich auf der Arbeit in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie oder an der Uni. Das bedeutet lange Fahrtwege. Ich sitze somit erst im Zug von Frankfurt/Oder nach Berlin und lese dann schon die Anträge, die später in der BVV oder in der Fraktion beraten werden.

Wenn ich irgendwann ankomme, haben wir entweder Ausschuss-, Fraktions- oder Plenarsitzung. Habe ich bei letzterem einen Redebeitrag, unterhalte ich mich vorher noch mit den Projektbeteiligten, die der Antrag betrifft und hole mir Hintergrundinformationen. So bin ich dann meist zwischen 21 und 23 Uhr zuhause.

Gibt es da einen Unterschied zu deinen männlichen SPD-Kollegen?

Ich habe mich mal mit einem jungen Genossen unterhalten. Er selbst ist auch Bezirksverordneter und hat mal zu mir gesagt: „Ana-Maria, du verbringst soviel mehr Zeit für die Vorbereitung als ich es tue.“ Ich glaube, dass ist ein Unterschied. Sicherlich ändert sich der Aufwand und die Vorbereitung mit der Zeit und man sammelt ja auch mehr Erfahrung.

Letztlich würde ich das aber nicht in männlich und weiblich unterscheiden, sondern wie ernst man das eigene Mandat nimmt. Du kannst nur die Ausschusssitzungen mitmachen und das war es dann. Oder du nimmst zusätzlich noch Wochenendtermine wahr, gehst auf Straßenfeste oder sprichst noch mit Akteurinnen und Akteure verschiedener Projekte vor Ort. Dann bist du mit 20 Stunden pro Woche dabei.

Gerade dieser hohe Zeitaufwand: Ist es das überhaupt wert?

Es ist meine erste Legislaturperiode und die Arbeit in der BVV ist es auf jeden Fall wert. Ich habe Projekte gefunden, da geht mein Herz auf. Ich betreue Frauenprojekte, da kommen die Akteurinnen auf mich zu und sagen, dass sie sich endlich beachtet fühlen. Ich kann durch mein Mandat etwas an die Gesellschaft zurückgeben und das gibt mir ein gutes Gefühl.

Du hast vor Kurzem den bundesweiten Helene-Weber-Preis für dein kommunalpolitisches Engagement erhalten. Was bedeutet dir dieser Preis?

Es ist eine unglaubliche Wertschätzung. Der Preis macht meine Arbeit über meinen Wirkungskreis hinaus sichtbar. Das spornt mich zusätzlich an. Es zeigt mir, dass es sich lohnt kommunalpolitisch aktiv zu sein. Es ist in der Kommunalpolitik nicht üblich, dass man Preise bekommt. Eher kommen die Menschen zu mir, weil sie sich beschweren wollen.

Daher ist es auch mal schön, dass ich die Früchte meiner Arbeit auch mal genießen kann. Darüber hinaus ist es auch mal schön mit Politikerinnen aus der FDP und CDU zusammenzukommen und zu erfahren, mit welchen gleichstellungspolitischen Themen und damit verbundenen Problemen sie sich so beschäftigen.

Dieser Austausch hat mir gezeigt, dass wir ein gesellschafts- und parteiübergreifendes Bündnis brauchen, um aus Frauenthemen Gesellschaftsthemen zu machen.

Was möchtest du mit dem Preisgeld machen?

Ich möchte gerne einen Tag voller Workshops zum Thema Frauen in der Politik machen. Das wird im Oktober oder November im ersten Frauenzentrum in Treptow-Köpenick stattfinden.

Danke für das Interview. Das letzte Wort überlasse ich dir als Gesprächspartnerin. Was möchtest du noch sagen?

Da möchte ich gerne Ruth Bader Ginsburg zitieren, die mal gesagt hat: „Frauen gehören überall dort hin, wo Entscheidungen getroffen werden.“ Das Zitat finde ich großartig und es passt zu uns als feministische Partei.

Autor:in

Sebastian Thomas

Redakteur

Redakteur der Berliner Stimme und der Berliner Seiten des Vorwärts