Fachausschuss VII: Die Kunst des Scheiterns und Wiederaufstehens

Die Kunst des Scheiterns und Wiederaufstehens

Am 12.09.2018 diskutierten wir im Fachausschuss Wirtschaft, Arbeit, Technologie unter dem Titel: “Gründlich gescheitert: Für  eine Kultur der zweiten Chance” über einen Wandel der Fehler-Kultur und der gesellschaftlichen Bewertung des Scheiterns, der Freiraum für neue Ideen und Gründungen zulässt. Für alle, die nicht dabei sein konnten, oder die sich gerne noch einmal daran erinnern, hat Ulrich Horb den Abend zusammengefasst.

Die Kunst des Scheiterns und Wiederaufstehens

Über eine „Kultur der zweiten Chance“ diskutierte der Fachausschuss Wirtschaft der Berliner SPD im September.  Das Scheitern von Geschäftsideen  gehört zum Alltag, gerade auch in der Startup-Szene.  Die Erfahrung des  Scheiterns kann Gründern bei neuen Projekten helfen. Und ein kritischer Blick auf die Ursachen hilft auch anderen Gründern.

2016 gingen rund 3200 Startups in Deutschland pleite.  Dahinter stehen völlig unterschiedliche Geschichten. Einige davon werden auf den Berliner  „Fuckup Nights“ erzählt, von denen ihr Mitorganisator   Ralf Kemmer, Professor für Kampagnen- und Kommunikationsplanung an der Design Akademie Berlin, berichtete. Die Veranstaltungen, nach mexikanischem  Vorbild inzwischen in etlichen Ländern und vielen Städten fest verankert, geben jedes Mal einer Handvoll Gründerinnen und Gründern  Gelegenheit, ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Mal ist die Idee nicht vollständig ausgereift, mal zeigen sich Banken zu ungeduldig, mal ist die Planung zu optimistisch gewesen. 300 Gäste hören sich im Schnitt die Chronologie des Scheiterns an, Berlin ist eine von 12 deutschen Städten, in denen es das Format gibt.  Es gebe ein Feedback des Publikums, kritische Fragen, so Kemmer. Bei manchen setze erst dann das Nachdenken über die Ursachen ihrer Pleite ein.  Als eine „andere Form der Lehre“ sieht Kemmer die Fuckup Nights. Denn hier gehe es um Praxiserfahrung, die an den Universitäten nicht vermittelt werde. Und es geht Kemmer um die „Entstigmatisierung des Scheiterns“. Auch nach einer Insolvenz müsse es möglich sein, neue Projekte anzupacken.

Es gibt eine Vielzahl von Beratungsangeboten für Gründerinnen und Gründer. LOK.a.Motion ist eines davon. Die Gesellschaft zur Förderung lokaler Entwicklungspotentiale mbH wurde 2004 gegründet. Geschäftsführerin Maria  Kiczka-Halit berichtete über die Arbeit Ihrer Beratungsgesellschaft, die dazu beitragen soll, Scheitern möglichst zu vermeiden.  Die Gesellschaft hilft Gründerinnen und Gründern u.a. aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen und die Angebote der Jobcenter zu nutzen. Der Prozess des Unternehmens werde begleitet, es  werde aber auch gefragt, wie die Gründerin oder der Gründer aufgestellt sind.  Frauen, so Maria  Kiczka-Halits Erfahrung, bereiten sich oft besser vor, sie sind nicht so risikobereit, Männer neigen im Gründungsprozess auch einmal dazu, Risiken zu unterschätzen.

Es sind manchmal Kleinigkeiten, an denen Unternehmungen scheitern.  So konnte sich zum Beispiel ein neues Café am Boxhagener Platz nicht behaupten, weil es zwar ein gutes Angebot hatte, das Café aber auf der  Schattenseite des Platzes lag.  Falscher Standort, falsches Finanzierungsmodell, die falsche Strategie zur Kundengewinnung – all das kann zum Scheitern führen. Ein Fehlermanagement sei wichtig, auch bei größeren Unternehmen, so Kemmer. Es gibt auch unverschuldete Insolvenzen, etwa, wenn Kundenzahlungen plötzlich ausbleiben. Und es gibt nach einer Pleite Fragen, denen sich die Unternehmerinnen und Unternehmer stellen müssen, etwa, wie sie mit ihren früheren Geldgebern umgehen sollen.
„Scheitern ist temporär“, sagt Kemmer. Es gehe auch um eine „Geschichte des Aufstehens“. In manchen anderen Ländern sei der Neuanfang leichter.  Zwar nehmen einige der gescheiterten Selbständigen eine Tätigkeit als Angestellte an, um ihre Schulden abzuzahlen, aber nur die wenigsten können sich das auf Dauer vorstellen. Viele entwickeln neue Projekte, die sie mit den gemachten Erfahrungen vielleicht sogar eher zum Erfolg führen könnten. Sie brauchen dazu eine Chance.

Eine zweite Chance dürfe nicht vom Geld abhängen, deshalb sollte das Insolvenzrecht überprüft werden, so lautete eine Überlegung in der Diskussion.  Denkbar wäre auch ein Modell von – notfalls –  verlorenen staatlichen Zuschüssen, um die Innovationsentwicklung zu fördern. Aus der Arbeit mit Geflüchteten ergeben sich weitere Fragen. Manche von ihnen waren im Heimatland lange Jahre selbständig, etwa als Frisör, in Deutschland bekommen sie keine Zulassung, weil ihnen der Meisterbrief fehlt. Hier müsse nach Lösungen gesucht werden. 

Autor: Ulrich Horb

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