Alexander KulpokSPD Berlin/Sebastian Thomas

Kniefall von Warschau: „Wenn die Sprache versagt“

Am 7. Dezember 1970 legt der damalige Bundeskanzler Willy Brandt einen Kranz am Ehrenmal für die Jüdinnen und Juden nieder, die während des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943 von den Nazis getötet wurden. Was danach geschieht, geht in die Geschichtsbücher ein: Willy Brandt sinkt für eine Minute auf die Knie. Sein Redenschreiber Alexander Kulpok erinnert sich.

Seit einem Jahr war Willy Brandt Bundeskanzler. Der erste sozialdemokratische Regierungschef in Bonn. Entgegen dem dringenden Rat von Herbert Wehner und Helmut Schmidt, die Große Koalition mit der Union unter Kurt-Georg Kiesinger fortzusetzen, hatte Brandt schon am Wahlabend des 28. September 1969 mit dem FDP-Vorsitzenden Walter Scheel – der zuvor mit seiner Partei die Wahl von Gustav Heinemann zum Bundespräsidenten ermöglicht hatte – Absprachen für eine sozial-liberale Koalition getroffen.

Beide – Wehner, der am Ende schlimm gegen Brandt wetterte („Der Herr badet gern lau!“) und Schmidt, den Wehner an Brandts Stelle setzen wollte, sollten später auch beim Sturz von Willy Brandt eine besondere Rolle spielen. Niemand, der 1974 nah und privat in Brandts Umgebung war, konnte hernach Lobeshymnen auf Wehner oder Schmidt singen.

Alexander Kulpok
Als Willy Brandt vor dem Ehrenmal der ermordeten Jüdinnen und Juden auf die Knie sinkt, steht er daneben: Alexander Kulpok.

Egon Bahr hat die beschämende Situation beim Kanzlersturz geschildert, als er seinen Weinkrampf während Wehners Abschiedsrede („Wir alle lieben ihn!“) in der SPD-Bundestagsfraktion erläuterte: „Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten über diese Gemeinheit und Heuchelei“, berichtete Bahr.

Im Dezember 1970 schien Wehner, der ehemalige Kommunist und Moskau-Kenner, noch ein wichtiger Unterstützer der „Neuen Ostpolitik“ zu sein, die Bahr und Brandt entworfen hatten. Die politischen Gegner und zum Teil erbitterten Feinde kamen aus dem konservativen Lager.

Nur der 1969 neu in den Bundestag gewählte CDU-Abgeordnete Richard von Weizsäcker, ab 1981 Präsident des Evangelischen Kirchentages, zeigte Verständnis für die neue außenpolitische Linie, die Brandt mit den Worten „Wir wollen ein Volk guter Nachbarn sein“ umschrieben hatte.

Brandts Vorgänger im Kanzleramt – Adenauer, Erhard und Kiesinger – hatten die West-Integration vorangetrieben. Wobei Eifersüchteleien aus Washington in Bonn sogar zu erbitterten Konflikten zwischen Atlantikern und Nicht-Atlantikern, „Gaullisten“ – die Frankreich den Vorzug vor den USA gaben-, führten. 1965 weigerte sich Bundespräsident Lübke zunächst sogar, die Ernennungsurkunde für Außenminister Schröder zu unterschreiben, weil der ein „Atlantiker“ war.

Kiesinger – ab 1966 im Bund mit Außenminister Willy Brandt – weitete den Bonner Blick ein wenig gen Osten und beurteilte die DDR mit dem damals viel beachteten, aber auch viel belächelten Ausspruch, die DDR sei ein „Phänomen“. Nicht nur durch die Aufforderung „Wir wollen mehr Demokratie wagen!“ wehte auch in der Bonner Außenpolitik seit Brandts Regierungserklärung vom 28. Oktober 1969 dann ein neuer Wind.

Alexander Kulpok war Redenschreiber von Willy Brandt.
Alexander Kulpok war Redenschreiber von Willy Brandt.

Der Moskauer Vertrag vom 12. August 1970 war eine wesentliche Voraussetzung für alle weiteren Schritte, und es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass ohne ihn die spätere Wiedervereinigung Deutschlands kaum möglich gewesen wäre. Ein Vertrag mit Polen und ein Vier-Mächte-Abkommen waren nun die nächsten Ziele für Brandt, die er schnell ansteuern wollte.

Seine Entspannungspolitik zielte auf eine Liberalisierung der Systeme, ohne einen Zusammenbruch der Sowjetunion und ein Ende des Warschauer Paktes anzustreben oder in die Überlegungen einzubeziehen. Bereits als Außenminister hatte Brandt beim Nürnberger SPD-Parteitag im März 1968 eine Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als polnische Westgrenze bis zum Abschluss eines Friedensvertrages in Aussicht gestellt.

Dieser damals geradezu sensationelle Hinweis an seinen polnischen Amtskollegen Rapacki, der mit seinem Vorschlag einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa Aufsehen erregt hatte, verhallte in Warschau und Moskau scheinbar ungehört, denn eine Reaktion blieb aus.

Erst am Abend des Kniefalls von Warschau – am 7. Dezember 1970 – erfuhren Brandt und Egon Bahr von den Irrungen und Wirrungen, die im bürokratischen Polen von Parteichef Gomulka zu der Nichtbeachtung von Brandts Oder-Neiße-Aussage geführt hatten.

In einer über Radio und Fernsehen nach Deutschland übertragenen Ansprache aus Warschau erläuterte Brandt am 7. Dezember 1970 die Bedeutung seines Besuchs in der polnischen Hauptstadt und des mit Polen abgeschlossenen Vertrages über die Unverletzlichkeit der Grenzen, der ja nichts anderes als die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie bedeutete.

Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.

Willy Brandt

Brandt war bewusst, welche Reaktionen dies nicht nur bei den Vertriebenen-Verbänden hervorrufen würde und ließ Günter Grass (Deutscher aus Danzig) und Siegfried Lenz (Deutscher aus Ostpreußen) bei der Formulierung des Redetextes mitwirken. Konservative Publizisten in der Bundesrepublik und in West-Berlin beeindruckte das nicht.

Matthias Walden – ein durchaus angenehmer Kollege mit Anstand und guten Manieren – war einer der schärfsten Kritiker des amtlichen Verlusts der Ostgebiete und der Brandtschen Ostpolitik. Obwohl ja tatsächlich nichts aufgegeben wurde, was nicht schon längst verloren war. Im Sender Freies Berlin entschloss man sich angesichts der aufgeheizten Stimmung zu zwei Fernsehkommentaren: Einer pro und einer contra Brandts Ostpolitik.

Alexander Kulpok (l.) interviewt im Jahr 1970 Bundeskanzler Willy Brandt.
Alexander Kulpok (l.) interviewt im Jahr 1970 Bundeskanzler Willy Brandt.

Matthias Walden übernahm den Contra-Part. Mein Pro-Kommentar wurde in den Tagen danach mit anonymen Zuschriften bedacht, die in teils falschem Deutsch in Sätzen gipfelten wie (Originalzitat): „Weg mit Euch! Ihr roten stinkende Brut! Weg mit Kulpok & Genossen! Raus mit Euch! Antideutsche…Raus nach Polen und Russland. Heil Moskau!“

Brandts Kniefall am Ehrenmal für die getöteten Juden des Warschauer Ghettos war erkennbar zu viel für noch immer von großdeutschem Größenwahn, von Arroganz und einer guten Portion Ignoranz infizierte Kleingeister in der Republik. Der für viele endgültig besiegelte, gewiss schmerzliche Verlust der Heimat entschuldigte dabei nur wenig.

Einer zischte: „Er kniet.“

Die Antwort auf meine Frage an einen Journalisten-Kollegen, der zur Warschauer Delegation gehörte, sagte zusätzlich einiges aus über das Erstaunen und die Überraschung, mit der Brandts Demutsgeste allseits aufgenommen wurde.

Der Kollege hielt diesen Termin im Besuchsprogramm für eine Routineangelegenheit und hatte ihn im Glauben an die Nebensächlichkeit ausgelassen. Auch Egon Bahr musste zugeben, dass er Brandts Kniefall gar nicht gesehen habe. Er berichtete nur über die plötzliche Stille im Journalisten-Tross, der vor ihm stand. Auf die Frage, was denn geschehen sei, habe einer gezischt: „Er kniet.“

Die Frage, ob diese Geste von Brandt geplant war oder ob der Kanzler einer plötzlichen Eingebung folgte, stellte auch Bahr dem Freund beim Gespräch unter vier Augen. Die Antwort war ebenso einfach wie eindeutig. Brandt sagte, ihm sei klar geworden, „ein Neigen des Kopfes genügt nicht“.

In seinen Erinnerungen hat er die Situation so beschrieben: „Ich hatte nichts geplant, aber Schloss Wilanow, wo ich untergebracht war, in dem Gefühl verlassen, die Besonderheit des Gedenkens am Ghetto-Monument zum Ausdruck bringen zu müssen. Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.“

Eindrucksvoller und reiner konnte die geschichtliche Schuld eines Volkes nicht bekannt werden. Zudem ein zutiefst christliches Bekenntnis, Schuld abzutragen und um Vergebung zu bitten. Es war diese Geste, die in den Zentren des kommunistischen Osteuropa jenes Vertrauen schuf, das der Neuen Ostpolitik letztlich zum Erfolg verhalf.

… und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.

Herrmann Schreiber, DER SPIEGEL-Redakteur, 1970

Und die US- „Times“ schrieb im Dezember 1970: „Er hat die erregendste und hoffnungsreichste Vision von Europa entworfen, seit der Eiserne Vorhang fiel. Mit Hilfe des beträchtlichen strategischen und wirtschaftlichen Einflusses Westdeutschlands versucht er, ein erweitertes und geeintes Westeuropa herbeizuführen, das weiterhin eng mit den Vereinigten Staaten verbunden wäre, aber gleichzeitig genügend Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit besitzen würde, um enge Beziehungen mit den kommunistischen Nationen anzuknüpfen.

Es ist eine kühne Vision voller Möglichkeiten und Gefahren, ein Wiederaufleben der Träume von Einheit, die Europäer von Karl dem Großen bis Napoleon inspiriert haben. Sie mag lange Zeit noch nicht Wirklichkeit werden, wenn überhaupt. Aber indem er sie zum Ziel für die Europäer macht, ist Willy Brandt zum Mann des Jahres 1970 geworden.“

Der Koalitionspartner und damalige Außenminister Walter Scheel fand zum 7. Dezember 1970 am Warschauer Ghetto-Mahnmal Worte, die zugleich die Persönlichkeit von Willy Brandt und seine Bedeutung als Friedenskanzler umschreiben: „In dem Moment, als wir ausstiegen und vor das Mahnmal traten, war die Stimmungslage sehr überwältigend.

Plötzlich sank Willy Brandt auf die Knie und jeder Mensch, der anwesend war, hätte es ihm gleichtun wollen und jeder hat diese Geste, diese vollkommen ungeplante und spontane Geste, für einzigartig und beeindruckend empfunden.

Es war eine dieser Fähigkeiten Willy Brandts, die ich bei ihm so sehr geschätzt habe, die Menschen emotional anzusprechen und für alle erkennbare Zeichen zu setzen. Ich habe keinen Politiker erlebt, der vergleichbar gewesen wäre.“

Bundeskanzler Willy Brandt Anfang der 70er-Jahre.
Bundeskanzler Willy Brandt Anfang der 70er-Jahre.

Die Befürchtungen, die Günter Grass nach diesem Ereignis äußerte, sollten sich in einigen Kommentaren der deutschen Medien und Politiker bewahrheiten: „Wie wird man zu Hause davon berichten?“, schrieb Grass. „Wird unterschwellig der Hang zur Verleumdung Nahrung finden und den Kniefall zum Kotau verbiegen?“

Weil da einer kniete, der für die NS-Verbrechen nicht verantwortlich war, der für alle kniete, die es eigentlich nötig hatten, aber es nicht konnten oder es nicht wagen konnten. Herrmann Schreiber fasste es im SPIEGEL so zusammen: „… und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.“

Im Jahr darauf – während der Haushaltsberatungen am 20. Oktober 1971 – wurde die Sitzung des Bundestages plötzlich unterbrochen und Parlamentspräsident Kai-Uwe von Hassel verkündete unter dem Beifall der Abgeordneten: „Willy Brandt erhält den diesjährigen Friedensnobelpreis!“

In der Begründung des Nobelkomitees heißt es: „Bundeskanzler Willy Brandt hat als Chef der westdeutschen Regierung und im Namen des deutschen Volkes die Hand zu einer Versöhnungspolitik zwischen alten Feindländern ausgestreckt. Er hat im Geiste des guten Willens einen hervorragenden Einsatz geleistet, um Voraussetzungen für den Frieden in Europa zu schaffen.“

Jahre später, als wir an einem lauen Sommerabend an der Havel im traditionsreichen (und heute geschlossenen) Wirtshaus Schildhorn saßen und über vergangene Zeiten – ihre Höhepunkte und ihre Enttäuschungen – sinnierten, fiel jener Satz von Willy Brandt, der uns in seiner überwältigenden Simplizität zum Leitgedanken geworden ist: „Das ganze Leben ist Konfliktbewältigung.“

Schon zu Ende? Hier geht es weiter mit interessanten Beiträgen aus der BERLINER STIMME.

Autor:in

Alexander Kulpok

Jahrgang 1938, war Reporter, Redakteur, Moderator und Kommentator für Hörfunk und Fernsehen des SFB und der ARD, Dozent am Publizistischen Institut der FU und Redenschreiber für Willy Brandt