Antifeminismus in der Corona-Krise: Bloß nicht hereinfallen

Die Corona-Pandemie und der Lockdown ruft auch rechte Akteurinnen und Akteure auf den Plan. Wie sie in der Krise und auf Corona-Demos versuchen ihre antifeministischen Ideen zu verbreiten, erklärt
Stefanie Elies, Leiterin Forum Politik und Gesellschaft der Friedrich-Ebert-Stiftung, im Interview.

BERLINER STIMME: Rechte Akteurinnen und Akteure machen in der Corona-Pandemie gegen ein modernes Familienbild mobil. Das war jedoch schon vorher der Fall. Was ist in der Corona-Krise anders?

Stefanie Elies: Die Corona-Krise ist eine Zeit der Verunsicherung, die sich Rechtspopulistinnen und -populisten zunutze machen. Es ist auch eine Zeit, in der Verschwörungsmythen Hochkonjunktur haben, wie wir bei den Demos gegen die Corona-Maßnahmen gesehen haben. Rechte Akteurinnen und Akteure nutzen diese Tendenzen, um ihre antifeministischen Ideologien zu verbreiten und neue Allianzen zu schaffen.

Aufgrund des Lockdowns sprechen Teile der Wissenschaft in Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit von einem sogenannten „Rollback“. Bedeutet der Lockdown einen gleichstellungspolitischen Rückschritt?

Im Lockdown bleibt die Fürsorge-und Erziehungsarbeit in den Familien vor allem wieder an den Frauen hängen. Zwar zeigt sich, dass Männer inzwischen mehr zu gerechterer Verteilung dieser Aufgaben beitragen, aber die Hauptlast der unbezahlten Sorgearbeit liegt nach wie vor bei den Frauen.

Auch sind es vor allem die Frauen, die aufgrund des zusätzlichen Betreuungsaufwandes ihre Arbeitszeiten reduzieren, weil sie oft ohnehin das geringere Einkommen haben. Es zeichnet sich daher ab, dass es für die Ausweitung der Arbeitszeiten und die beruflichen Chancen von Frauen auch nach der Krise langfristig negative Konsequenzen geben kann.

Stefanie EliesFriedrich-Ebert-Stiftung
Stefanie Elies, Referatsleiterin Forum Politik und Gesellschaft

Am Anfang der Pandemie gab es ein großes Verständnis innerhalb der Bevölkerung für das Regierungshandeln. Im Verlauf der Pandemie nahm dies jedoch ab – das zeigte sich insbesondere durch Corona-Demos. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Bei den derzeitigen komplexen Herausforderungen wächst bei vielen das Bedürfnis, Schuldige auszumachen, und das sind oft „die Politik“ oder „die da oben“. Diese Vereinfachungen erklären auch, warum plötzlich so unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen bei den Corona-Demos nebeneinander auftauchen:

So unterschiedlich ihre Beweggründe sind, sie haben ein gemeinsames Ventil für ihren Unmut und teilen das gleiche Feindbild, die Corona-Maßnahmen.

Auf diesen Demos wurden auch Familien gesichtet – Seit an Seit mit Rechtsextremistinnen und -extremisten: Warum verfangen rechte Vorstellungen eines rückwärtsgewandten Familienbildes auch bei dieser Gruppe?

Tendenzen zur Retraditionalisierung von Rollenbildern und zum Antifeminismus sind in der Mitte der Gesellschaft durchaus anschlussfähig, wie unsere Studien zeigen. Und die Corona-Krise als Bedrohung ruft vermeintliche „Lebensschützerinnen und -schützer“ oder Impfgegnerinnen und -gegner auf den Plan, die ein traditionelles Familienbild bedienen, in dem eine Überhöhung von Mutterschaft eine Rolle spielt.

Rechtsextreme und -populisten haben bei den Demos auch eine neue Strategie an den Tag gelegt, indem sie ihre Propaganda und Mobilisierung unter dem Deckmantel des Kindeswohls tarnen. Hier muss man aufpassen, dass besorgte Eltern nicht auf diese Taktiken hereinfallen.

Schon zu Ende? Das muss nicht sein. Hier geht es weiter mit interessanten Beiträgen aus der BERLINER STIMME.

Autor:in

Sebastian Thomas

Redakteur der BERLINER STIMME, des vorwärtsBERLIN und des Berliner Stadtblatts