„Ich hätte auch das Telefonbuch vorlesen können“ 1SPD Berlin

Berliner Stimme 7|2019: „Ich hätte auch das Telefonbuch vorlesen können“

Es ist ein Treffen der Generationen: Walter Momper – von 1989 bis 1991 Regierender Bürgermeister von Berlin. In seine Amtszeit fällt die Nacht des 9. Novembers 1989. Svenja Marie Linnemann – im Februar 1989 im Wedding geboren. Ihre durch die Mauer getrennte Familie ist über Nacht wieder vereint. Nicolai Rehberg – ebenfalls 1989 geboren, jedoch in Schleswig-Holstein. Seit sechseinhalb Jahren wohnt er in Berlin.

BERLINER STIMME: Walter, wie lebte es sich in West-Berlin vor dem Mauerfall?

WALTER MOMPER: West-Berlin war in kultureller Hinsicht eine Insel und zwar mitten in einer roten Gegend. Es war toll, denn man lebte zugleich in einer Welt-, Groß- und Hauptstadt. Es herrschte damals auch nicht wie heute Durchgangsverkehr – alles war viel gemütlicher. Letzten Endes war es aber auch eine Leistung auf der Insel zu leben.

Die Zeit vor dem Mauerfall in Berlin

Ich habe nämlich viele Kommilitonen erlebt, die einen Mauerkoller bekamen und das einfach nicht aushielten. Manche blieben kaum ein Semester. Viele gaben auch nach dem Mauerbau keinen Pfifferling mehr auf West-Berlin. Zum einen zog die ganze Industrie weg. Nur so Betriebe wie Schering, heute Bayer, als einziger Dax-Konzern, blieben da, während andere Unternehmen einfach die Stadt verließen.

Das sah damals schon ganz schön bitter aus. Ich für meinen Teil fand gerade West-Berlin aber sehr interessant. Die Freie Universität war gut, denn sie war sehr liberal. Ebenso hatte es mir die politische Lage angetan, also auf der Grenze zwischen Ost und West zu wohnen. Deshalb bin ich 1965 nach West-Berlin gekommen.

BERLINER STIMME: Du bist am 16. März 1989 zum Regierenden Bürgermeister gewählt worden. Wie war zu dieser Zeit die Stimmung im Westen der Stadt?

WALTER MOMPER: Die Stimmung in der Stadt war mächtig angeheizt, weil die Grünen Regierungspartei wurden. Manche Zeitgenossen sahen darin den Untergang des alten West-Berlin. Sie hielten die Grünen für Halbkommunisten. All das bewegte die Politik. Natürlich waren die Leute neugierig und wollten wissen, wie ich und die SPD das rot-grüne Bündnis ausgestalten.

Aber das eine solche Untergangsstimmung herrschte, fand ich schon ziemlich absurd. Nach der Wahl haben wir in Umfragen auch ziemlich schnell die Mehrheit der Leute verloren, obwohl diese uns ja vorher gewählt hatten. Wenn man dann keine Mehrheit mehr hat, ist das politisch schon ziemlich unangenehm.

Die Situation im Osten, die Veränderungen in der DDR, spielten nicht so eine große Rolle. Das war auch zu Anfang des Jahres 1989 nicht so besonders. Da bewegte sich nicht viel. Es war klar, dass die SED einen Parteitag machen will, um ihre Führung abzulösen. Es war klar, das Erich Honecker gehen muss und Egon Krenz Chef der SED wird. Aber mehr passierte nicht.

BERLINER STIMME: Deutete schon etwas auf den acht Monate später stattfindenden Mauerfall hin?

WALTER MOMPER: Richtig los ging es im Mai, als Ungarn entschied keine DDR-Flüchtlinge mehr an der Grenze aufzuhalten und sie auch nicht mehr in die DDR zurückzubringen. An diesem Punkt war klar, dass es einen Wandel geben wird. Danach veränderte sich auch die DDR ziemlich schnell. Angefangen bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Ausreisewelle aus der DDR

Danach folgte auch die allgemeine Bewegung. An erster Stelle, dass die Menschen aus der DDR ausreisen wollten. Zweitens, dass die Bürgerinnen und Bürger Vereine gründeten, wie das Neue Forum. Ab August reisten auch jeden Tag 2.000 bis 3.000 Menschen aus der DDR über Budapest, Prag und Warschau nach Westen.

Das wohl bekannteste Beispiel ist Prag: Die Deutsche Botschaft war überlaufen mit Menschen aus der DDR. Schließlich traf am 30. September 1989 der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher in der Botschaft ein und erklärte den DDR-Flüchtlingen, dass ihre Ausreise möglich ist. Der bereitgestellte Zug ging anschließend über DDR-Staatsgebiet.

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Walter Momper ist ehemaliger Regierender Bürgermeister der Stadt Berlin. In seine Amtszeit fällt neben dem Mauerfall, die friedliche Revolution in der DDR und die Wiedervereinigung.

Am Dresdner Hauptbahnhof kam es zu Schlachten zwischen der Volkspolizei und den Leuten, die natürlich in die Züge einsteigen wollten. Ab diesem Zeitpunkt haben wir uns gesagt: Bald gibt es auch einen Sturm über die Mauer, weil die DDR-Flüchtlinge natürlich nicht den weiten Weg über Prag und Budapest wählen, wenn es gleich nebenan in Ost-Berlin einen Grenzübergang gibt.

Wenn täglich Tausende Menschen das Land verlassen, merkst du das bei 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sehr schnell. Es fehlte bald an Leuten, unter anderem im Gesundheitswesen. Diese Menschen verschwanden allmählich aus der DDR.

BERLINER STIMME: Svenja, wo in Berlin bist du geboren? Wo waren deine Eltern beziehungsweise was haben sie gemacht als die Mauer fiel?

SVENJA MARIE LINNEMANN: Ich bin im Wedding geboren, wohne auch noch dort und zwar Richtung Osloer Straße. Das ist die Ecke in Wedding, die zum Prenzlauer Berg zugeht. Meine Großeltern haben damals im Soldiener Kiez gelebt. Unser Schrebergarten, den es heute immer noch gibt, ist direkt an der Bösebrücke (Bornholmer Straße, Anm. d. Red.).

Menschen laufen zu den Grenzübergängen

Meine Großeltern haben die Ereignisse am Abend des 9. November, also wie die Menschen auf die Bösebrücke gefahren sind, direkt miterlebt. Meine Mutti selbst nicht, weil sie mich gerade zu diesem Zeitpunkt gestillt hat. Sie wurde dann von einer Freundin angerufen. Sie fragte meine Mutti, ob sie schon gehört hätte, dass sie Mauer gefallen ist. Die Leute würden gerade alle zu den Grenzübergängen gehen.

BERLINER STIMME: Wie wirkte sich die Trennung durch die Mauer auf deine Familie aus?

SVENJA MARIE LINNEMANN: Für meine Familie war der 9. November sehr emotional, denn mein Opa mütterlicherseits war durch die Mauer von seinen Geschwistern und seinen Eltern getrennt. Sie haben damals in der Kremmener Straße nahe des Mauerparks gewohnt, also in unmittelbarer Nähe zur Bernauer Straße.

Das war damals Sperrgebiet. Sie durften sich da nicht frei bewegen und das bedeutete für ihren Alltag, dass sie, wenn sie zur Arbeit bzw. irgendwo hinfahren wollten, durch die Kontrollen mussten. Ich erinnere mich noch an eine Situation aus meiner Kindheit, als ich so vier oder fünf Jahre alt war.

Einfach so auf die andere Seite der Stadt fahren

Da ist mein Opa mit mir in der Gegend herumgefahren und hat mir erzählt, wo er groß geworden ist. Ich konnte es gar nicht so nachvollziehen, dass es fast 30 Jahre lang nicht möglich war, einfach von der einen auf die andere Seite Berlins zu fahren. Meine Mutti war knapp 10 als die Mauer gebaut wurde.

Bei meiner Geburt war sie Ende 30. In der Zwischenzeit musste meine Familie getrennt leben. Als ich es schließlich bewusst wahrgenommen habe, sind wir wie ganz selbstverständlich zu Feiertagen, zu Weihnachten in den anderen Teil der Stadt gefahren. Wir sind in meiner Kindheit auch viel ins Umland gefahren und das einzige was mir als Unterschied zum Wedding auffiel war, dass es sehr viele Plattenbauten gab.

Am Küchenfenster stehend der Familie zuwinken

Was das emotional bedeutet, konnte ich nur durch die Geschichten meiner Familie und Verwandten nachvollziehen. Sie haben dann darüber berichtet, dass sie Pakete für den Bruder meines Opas gepackt und in den Osten der Stadt geschickt haben. Meine Großtante erzählt mir heute noch, wie es war an ihrem Küchenfenster auf der anderen Seite der Mauer zu sitzen und einmal in der Woche der Familie zuzuwinken.

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Svenja Marie Linnemann ist Integrationspolitische Sprecherin der SPDin der BVV Mitte. Die Zusammenführung ihrer Familie erfolgte quasi über Nacht.

Sonntags hat meine Familie immer einen Spaziergang zu einem der Podeste auf West-Berliner Seite gemacht. Dort haben sie meiner Großtante und anderen Familienmitgliedern zugewunken. Das sind Dinge, die man sich heute überhaupt nicht mehr vorstellen kann.

BERLINER STIMME: Nicolai, was erzählen Dir deine Eltern heute noch vom Mauerfall? Wie wurde das Ereignis im fernen Schleswig-Holstein aufgenommen?

NICOLAI REHBERG: Der Mauerfall war für uns schon irgendwie weit weg, doch wir hatten Verwandtschaft in Mecklenburg-Vorpommern. Mit diesem Teil meiner Familie hatten meine Eltern auch einen relativ engen Kontakt. Ich selbst bin am 15. November geboren worden, also wenige Tage nach dem Mauerfall.

“Der Mauerfall war für meine Eltern ein unheimlich glücklicher Moment” (Nico Rehberg)

Für meine Eltern war das ein hochemotionaler Moment. Meine Mutter lag zu der Zeit hochschwanger zuhause und hat dort im TV gesehen, wie die Leute auf der Mauer getanzt haben. Sie hat angefangen zu weinen. Der Mauerfall war für meine Eltern ein unheimlich glücklicher Moment, auch wenn wir örtlich gesehen, weit weg von den Ereignissen rund um den Fall der Mauer waren.

BERLINER STIMME: Walter, Du warst auf die neue Reiseregelung der DDR-Regierung vorbereitet. Wie kam es dazu?

WALTER MOMPER: Am 29. Oktober 1989 waren wir bei Günter Schabowski. Er war Mitglied des Zentralkomitees und in der neuen DDR-Führung die Nummer zwei nach Egon Krenz. Das Gespräch ging dann auch hauptsächlich zwei bis drei Stunden lang über die Verhältnisse in der DDR. Günter Schabowski zeigte sich dabei sehr offen und kritisierte die Verhältnisse.

Dabei erzählte er von einem Kommentar, den Erich Honecker noch vor seinem Abgang als Chef der SED im Neuen Deutschland korrigiert hatte. Das war überhaupt der erste Meinungsartikel, der sich mit den Menschen beschäftigt hat, welche die DDR verließen. Erich Honecker hatte in diesen Kommentar den bekannten Satz geschrieben: „Weinen wir denen, die das Land verlassen, keine Träne nach.“

In der DDR-Bevölkerung wirkte dieser Artikel nach seiner Veröffentlichung wie eine Fackel in einem Heuhaufen. Gerade die Leute, die nicht gehen wollten und das war ja die Mehrheit, waren über den Kommentar sauer. Sie sagten sich, wenn es keine Rolle mehr spielt, ob wir gehen oder bleiben, dann können wir auch gehen.

Günter Schabowski erwähnt beiläufig neue Reiseregelung

Diese Veröffentlichung hat die Fluchtbewegung noch angeheizt. Es zeigte ebenfalls, wie realitätsfern Erich Honecker mittlerweile war. Ganz am Ende des Gesprächs sagte Günter Schabowski beiläufig, die Führung plane Reisefreiheit. Da habe ich nachgefragt, wie er das meint? Er antwortete, dass jeder der ausreisen möchte, auch in den Westen reisen und wieder zurückkehren kann.

Mir drängte sich der Gedanke auf, dass er überhaupt gar nicht überlegt hatte, was das bedeutet. Dann fragte uns Günter Schabowski, was aus unserer Sicht erforderlich wäre. Erstmal sagten wir, dass wir mehr Grenzübergänge brauchen. Wir hatten zu dieser Zeit elf und die waren immer voll, so zum Beispiel durch Dienstreise- und Rentnerverkehr.

Wir haben gleich für den nächsten Tag verabredet, dass sich die Unterhändler beider Seiten treffen und über neue Grenzübergänge sprechen sollten. Dann interessierte uns natürlich, wie viele Menschen aus der DDR zu uns kommen werden, sobald die Reiseregelung in Kraft tritt. Wir selbst haben so eine halbe Million geschätzt, tatsächlich kamen am Ende eine Million Menschen in die kleine Stadt West-Berlin.

Davon waren allein 300.000 Menschen auf dem Streifen um den Breitscheidplatz unterwegs, also zwischen KaDeWe und Kurfürstendamm. An diesem Ort hatten wohlgemerkt ohne den Verkehr 300.000 Menschen Platz und der Rest war in der Stadt verteilt. Dann fragten wir ihn, was er schätzt, wie viele Leute kommen werden.

Er antwortete, dass wir uns da keine Sorgen machen sollten, denn das könnten sie regulieren: Es hätten ja gerade mal zwei Millionen DDR-Bürger einen Pass und bis diese ein Visum bekommen, würde einige Zeit vergehen.

BERLINER STIMME: Was ist nach dem Treffen passiert?

WALTER MOMPER: Wir haben öffentlich in einer Pressekonferenz über das Treffen berichtet und geschrieben, dass die DDR ihre Reiserecht liberalisieren möchte und wir mit 300.000 Besuchern rechnen. Genau diese Anzahl von Menschen kamen immer an Brückentagen nach West-Berlin. Für unsere internen Planungen sind wir jedoch, wie gesagt, von 500.000 ausgegangen.

Das größte Problem war, wie wir die Leute transportieren. Wir schätzten das rund die Hälfte zu Fuß unterwegs sein werden, während die andere Hälfte mit U-Bahn und Bussen nach West-Berlin fahren wird. Das war schon eine große Leistung für das kleine Beförderungsnetz von West-Berlin.

Aber die Verantwortlichen der BVG sagten, dass das kein Problem sei. Sie würden einfach den Fahrplan nach dem Smog-Alarm fahren, der erstmals im Februar 1987 eingetreten war. Da durften Autos ohne Katalysator gar nicht fahren, also praktisch keiner.

Sonderbeilage mit BVG-Netzspinne, Stadtplan, Notfallnummern

Das nächste Problem war ein Stadtplan. In der DDR gab es keinen über West-Berlin – das war immer ein weißer Fleck. Da planten wir zusammen mit der Berliner Morgenpost eine Sonderbeilage – mit Stadtplan, Netzspinne der BVG, Öffnungszeiten der Museen, Notfallnummern und all sowas. Die Druckauflage lag bei 250.000, also zwei Besucher bekamen ein Heft.

Das nächste Problem waren die 100 West-Mark Begrüßungsgeld. Gerechnet auf 500.000 Menschen brauchten wir eine ganze Menge Geld. Da haben wir zuerst mit dem Bankenverband gesprochen, der uns im Falle einer neuen Reiseregelung zusagte auch sonnabends und am Sonntag zu öffnen. Auch die Post, Behörden und landeseigenen Betriebe konnte ich überzeugen Zahlstellen einzurichten.

Nun behielten die Besucher aus Ost-Berlin das Geld erstmal für sich. Es liefen keine Rückflüsse zur Landeszentralbank. Somit verschwanden bei einer Millionen Besucher mal eben 100 Millionen Mark in den Taschen. In der Woche noch kam der Chef der Landeszentralbank auf mich zu.

Er sagte, dass entweder demnächst Geld zurückfließt oder er bald blank sei. So flogen über Nacht die Amerikaner vier Tonnen Frischgeld aus Frankfurt am Main ein. Danach waren wir wieder zahlungsfähig.

BERLINER STIMME: Was hast du konkret nach der Pressekonferenz des ZK, als Günter Schabowski die unverzügliche Reisefreiheit ankündigte, getan?

WALTER MOMPER: Ich war zu der Zeit bei der Verleihung des „Goldenen Lenkrads“ im Axel-Springer-Verlagshochhaus. Mein Fahrer musste am Autotelefon sitzen und sollte mich informieren, wenn es noch Fragen zu meinem Vorwort für die Sonderbeilage in der Berliner Morgenpost gibt. Nun kam er zu mir und sagte ich soll sofort in die Senatskanzlei anrufen.

„Ich glaube, es wird ernst“

„Ich glaube, es wird ernst“, sagte er. Um 19 Uhr kam der Chefredakteur der Berliner Morgenpost auf mich zu und zeigte mir die Eilmeldung der dpa – sie lautete: „Schabowski: neue Reiseregelung für die DDR“. Das war erst mal nichts Besonderes, schließlich hatte er uns genau das am 29. Oktober erzählt.

An dieser Stelle stellte ich mir nur eine Frage: Warum hat er uns vorher nicht Bescheid gesagt? Da erzählte mir der Chefredakteur von der Pressekonferenz. Diese ging drei Stunden lang eher über allgemeine Parteifragen: Wie stellt sich die SED demnächst auf? Wer kommt rein ins Politbüro oder wer fliegt raus? – solche Sachen eben.

Genau am Schluss fragt jemand von den anwesenden Journalistinnen und Journalisten wegen der Reiseregelung nach. In diesem Moment fällt Günter Schabowski ein – zumindest hat er es so später in seinen Memoiren geschrieben -, dass Egon Krenz ihm am Ende der ZK-Sitzung einen Zettel gegeben hat. Streng genommen enthielt der Zettel die Presseerklärung über die neue Reiseregelung.

Das Schreiben hatten früh am Tag je zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit und des Innenministeriums verfasst und Egon Krenz zugestellt. Krenz hat das auch erhalten und er hat es durch das Politbüro und das ZK verabschieden lassen. Heute sind die Protokolle dieser ZK-Sitzung bekannt und kein Teilnehmer hat gefragt, was diese neue Reiseregelung für die DDR bedeutet.

“Und die zweite Frage: Ab wann gilt das? Da liest er vor, dass dies sofort, unverzüglich gilt.” (Walter Momper)

Günter Schabowski hatte über diesen Zettel überhaupt gar keine Kenntnis. Er hat ihn einfach nur von Egon Krenz entgegengenommen, in seinem Papierstapel vergraben und der Rest ist bekannt: Während der Pressekonferenz kommt ein Mitarbeiter von Günter Schabowski, kramt den Zettel wieder raus und reicht ihm Schabowski.

Er wollte sich die Presseerklärung eigentlich durchlesen, hat es aber nie und liest sie dann zum ersten Mal auf der Pressekonferenz vor. Danach folgen zwei Fragen: Gilt das auch für West-Berlin? Ja, antwortet Schabowski, für alle Grenzübergänge der DDR. Und die zweite Frage: Ab wann gilt das? Da liest er vor, dass dies sofort, unverzüglich gilt.

Der Moment war für die Journalistinnen und Journalisten nicht so überraschend, denn es war nicht die erste Reiseregelung. Der Text der Pressemitteilung war übrigens nicht ganz klar. Es war natürlich so gedacht, dass alle mit dem Pass hingehen, sich einen Visa-Vermerk holen und dann die Grenze überschreiten. Wir mussten ihm nun den Rückweg abschneiden. Ich bin zum SFB gefahren, da lief gerade die Abendschau.

Walter Momper trifft auf ein älteres Ehepaar aus Falkensee

Dort wurde ich zu dem Text von Günter Schabowski gefragt. Ich meinte, dass ist der Tag auf den wir 28 Jahre gewartet haben, dass es eine historische Stunde, ein historischer Tag ist. Wir freuen uns auf alle, die zu uns kommen. Ich sagte noch, dass die Menschen bitte nicht mit ihrem eigenen Auto kommen sollen. Es war ja klar, wenn 500.000 Menschen mit ihrem Auto kommen, dann ist West-Berlin voll.

Am 9. und 10. Oktober war es dann auch so. Wir waren mit dem Dienstwagen unterwegs und da musste immer ein Polizist vorlaufen und die Leute mit der Kelle beiseite scheuchen. Dadurch kamen wir auch nicht schneller voran und sind später in die U-Bahn umgestiegen. Am nächsten Tag habe ich in der U-Bahn ein älteres Ehepaar aus Falkensee getroffen.

Sie sagten, sie hätten mich im TV gesehen und ich hatte gesagt, dass die Mauer offen sei. Das hatte ich ja überhaupt nicht gesagt. Sie hätten es aber so verstanden. Die Leute in Ost-Berlin sind um 20 Uhr nach der Sendung an die Grenzübergänge gelaufen und haben mit den Grenzern diskutiert – unter anderem mit dem Argument der Momper hat gesagt, sie dürften jetzt reisen.

“Es ist der Wahnsinn”

Danach sammelten sich allmählich die Menschen an den Grenzübergängen. An der Bornholmer Straße standen irgendwann 10.000 Menschen. Um 23 Uhr wird dann an dieser Stelle der erste Schlagbaum geöffnet. Kurz davor war ich noch in einer Live-Sendung des SFB und ließ meine Polizisten an den Grenzübergängen anrufen.

Erst gab es keine besonderen Vorkommnisse. Kurz nach 23 Uhr bekam ich Bescheid, dass die Bornholmer Straße offen ist. Der SFB sendete später auch Bilder der ersten Besucher aus Ost-Berlin. Da war dann ein Pärchen, die wedelten mit ihrem blauen DDR-Personalausweis herum und sagten, dass sie ohne Probleme die Grenze überquert haben.

Dann sagte die Frau die Worte dieser Nacht: Es ist der Wahnsinn. Dann habe ich die Sendung verlassen und bin zur Invalidenstraße gefahren, um dort auf dem Kontrollpunkt zu hören, was los war.

BERLINER STIMME: Wie war die Situation vor Ort?

WALTER MOMPER: Am Grenzübergang an der Invalidenstraße war erst kein Mensch. Aber um 23 Uhr ist es dort brechend voll: Menschen feiern und sind glücklich. Vor und hinter dem Kontrollpunkt standen jeweils ungefähr 10.000 Menschen. Ich trat an das Tor des Übergangs. Der Hauptmann brachte mich zur Kontrollbaracke.

Bis dahin hatten die Grenzer die Pässe einfach nur gestempelt. Dann waren sie weg, ich fühlte mich auf einmal allein mit 10.000 Menschen. Eigentlich hatte ich immer Angst vor einem Massenansturm, Schießerei und einem Blutbad. Genau in diesem Moment dachte ich das auch und habe mir ein Megaphon von der West-Polizei geben lassen.

Ausgelassene Stimmung am Kontrollpunkt Invalidenstraße

Danach stieg ich auf einen Tisch, wo die Rentnerinnen und Rentner immer ihre Taschen auspacken müssen. Ich fing an eine Rede zu halten und forderte die Berlinerinnen und Berliner auf besonnen zu bleiben. Ich merkte jedoch nach jedem Halbsatz, wie die Leute laut jubelten. Es herrschte allgemeine Heiterkeit.

Ich hätte auch das Telefonbuch vorlesen können. Mein Bestreben war es die vielen Menschen aus dem Kontrollpunkt herauszubekommen. Das funktionierte natürlich nicht und deshalb bat ich die Trabis durchzulassen, damit nicht vollständig Stillstand herrscht.

BERLINER STIMME: Svenja und Nicolai, ihr seid beide in den 90er-Jahren großgeworden. Welche Rolle spielte da der Mauerfall für euch? Wie fand er sich in eurem Alltag wieder?

NICOLAI REHBERG: Der Mauerfall war während meiner Kindheit in Schleswig-Holstein kein großes Thema. Ich wohne seit sechseinhalb Jahren in Berlin und würde sagen, dass es in den vergangenen Jahren für mich ein bedeutendes Thema wurde. Ich habe in der Hauptstadt viele Freunde kennengelernt, die in der DDR groß geworden sind.

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Nicolai Rehberg kommt ursprünglich aus dem Norden Deutschlands. Die Ereignisse rund um den 9. November 1989 kennt er wie Svenja aus Erzählungen seiner Eltern.

In Berlin habe ich auch meinen Verlobten getroffen, den ich ohne den Mauerfall nie kennengelernt hätte. Ich glaube aber, was Svenja und ich eher realisieren können, ist die Wendezeit, also die Zeit nach dem Mauerfall. Die Fragen sind: Wie kippte die Stimmung in West und Ost? Wie haben wir das beide erlebt? Den Mauerfall als Moment puren Glücks können wir nur bedingt nachempfinden, was natürlich schade ist.

SVENJA MARIE LINNEMANN: Diesen Moment können wir vielleicht eher familiär nachempfinden. Bei mir war die Situation ja eine andere, weil meine Familie durch die Mauer getrennt war. So kann ich dieses historische Ereignis durch Erzählungen etwas mehr emotional fassen. Für mich persönlich ist viel spannender, wie die Menschen damit umgegangen sind, also das es auf einmal diese beiden Teile der Stadt gibt, die wieder zusammenwachsen.

Oder sich frei bewegen zu können, ins Umland oder in einen anderen Stadtteil zu fahren – etwas was für uns heutzutage zum Glück normal ist. Die andere Frage ist, wie ist es bei der Generation, welche die Mauer miterlebt hat. Gibt es das noch Grenzen oder eine Mauer in den Köpfen? Wie geht man damit als junger Mensch um, der es so nicht miterlebt hat.

“Letztlich ist es spannend, was sich in den nächsten 30 Jahren weiterbewegen wird” (Svenja Marie Linnemann)

Und wie sieht es bei den Menschen aus, die vielleicht bis heute nicht richtig angekommen sind, obwohl wir 30 Jahre Mauerfall haben. Das sind wie ich finde die viel spannenderen Fragen. Ich habe versucht manche Themen bei meiner Verwandtschaft aus dem Osten der Stadt immer mal wieder anzuschneiden, also haben sie probiert zu fliehen?

Wie war es in der DDR zu leben? Wie war es nicht frei wählen zu können? Und welches Glück es heute für uns alle ist, die Möglichkeit zu haben frei zu wählen, sich frei äußern und reisen zu können und das nicht nur in Berlin, sondern europaweit – alles vor dem Kontext, dass es in dem Geburtsjahr von Nico und mir nicht einfach so möglich war. Letztlich ist es spannend, was sich in den nächsten 30 Jahren weiterbewegen wird.

BERLINER STIMME: Ihr sprecht es ja schon im gewissen Maße an, dennoch nochmal generell die Frage: Wie bewertet ihr heute – 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer – das Verhältnis zwischen Ost und West?

NICOLAI REHBERG: Das ist eine schwierige Frage. Ich bin beruflich sehr viel im Osten von Deutschland unterwegs und war auch gerade in Leipzig. Da habe ich auch viele Kollegen in unserem Alter getroffen, die, obwohl sie im gleichen Jahr wie ich und Svenja geboren sind und gefühlt die gleichen Erfahrungen gemacht haben, sich überraschenderweise als ostdeutsch definieren.

„Löhne und Renten sind im Osten noch deutlich geringer – das muss sich ändern“ (Nicolai Rehberg)

Ich finde gerade das ist eine Angelegenheit, die wir bis heute nicht überwunden haben. Ich und, wie ich vermute, viele Westdeutsche sehen sich als gesamtdeutsches Produkt. Ich habe aber vor Kurzem eine Studie gelesen, dass 22 Prozent der Jugendlichen in Ostdeutschland sich weiterhin vor allem als ostdeutsch sehen. Ich glaube, dass ist ein Problem, wo auch wir als SPD in der Wendezeit viele Fehler gemacht haben.

Dabei geht es nicht nur darum, dass die Lebensleistungen der Menschen aus Ostdeutschland endlich anerkannt werden. Ich habe viele Kollegen aus Sachsen und Brandenburg, die gerade das gar nicht mehr hören können. Sie sind es leid von westdeutscher Seite zu hören, dass man zwar die Lebensleistung endlich anerkennen will.

Gleichzeitig sind jedoch die Löhne und Renten in Ost noch deutlich weniger als im Westen von Deutschland. Da fällt es mir dann auch schwer dagegen ein Argument zu finden. Gerade in dieser Sache haben wir noch einen langen Weg vor uns.   

SVENJA MARIE LINNEMANN: Es ist im Hinblick auf Nicos und meine familiäre Herkunft ein Privileg, dass wir die Unterschiede zwischen West und Ost persönlich gar nicht mehr so spüren. Obwohl: Da meine Familie aus dem Wedding kommt gehe ich halt aus Familientradition eher zu Hertha als zu Union ins Stadion, aber sonst bin ich einfach Gesamt-Berlinerin.

Aber wahrscheinlich ist die Trennung zwischen Ost und West in manchen Familien noch viel stärker verwurzelt. Daher finde ich es auch 30 Jahre danach immer noch wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und bei Rente und Einkommen gibt es ja tatsächlich noch heute spürbare Unterschiede, – die müssen endlich überwunden werden!

„Die friedliche Einheit ist das größte Geschenk“ (Walter Momper)

NICOLAI REHBERG: Ich frage mich immer mit Blick auf die Bürgerbewegungen oder die Runden Tische während der Wendezeit, wo all die Ideen hin sind, die die Leute hatten, um den Prozess der Wiedervereinigung positiv zu gestalten. Ich denke, viele haben sich von dem Versprechen der „blühenden Landschaften“ von Altbundeskanzler Helmut Kohl und das im Westen alles besser ist, ein wenig einlullen lassen.

BERLINER STIMME: Walter, du hast am 10. November 1989 im Bundesrat folgenden Satz gesagt: „Heute Nacht waren die Deutschen das glücklichste Volk der Welt.“ Würdest du das heute 30 Jahre nach dem Mauerfall wieder so sagen?

WALTER MOMPER: Ja, auf jeden Fall. Wann hat denn jemals wieder ein Volk seine Einheit so friedlich wiedererlangt? Es hat ja keinerlei Auseinandersetzungen oder Prügelei gegeben, sondern es ist alles friedlich verlaufen. Ich glaube gerade, das ist das größte Geschenk. Neben dem was ihr beide bereits angesprochen habt, ist der Wiedervereinigungsprozess vor allem für die Menschen schwierig, die zur Zeit des Mauerfalls 40 beziehungsweise 50 Jahre alt waren.

Genau für diese Leute ist damals die ganze Perspektive weggebrochen. Ich denke da an Soldaten der NVA, die mitten in der Ausbildung waren und diese danach direkt in den Müll werfen konnten. Oder Menschen aus dem industriellen Bereich, die durch die Einstellung der Unternehmen ihre Jobs verloren. Wer die Ereignisse relativ gut weggesteckt hat sind die Älteren, also die zu dieser Zeit 60 oder 70 Jahre alt waren.

Leben an neuen Verhältnissen anpassen

Gerade Menschen aus dieser Altersgruppe haben später zu mir gesagt, dass sie ja nichts erlebt haben, nur eben 12 Jahre Hitlerfaschismus, anschließend die DDR. Damit, so sagten sie, sind 40 Jahre ihres Lebens im Grunde weggefallen. In der Folge haben sich gerade ältere Menschen den neuen Verhältnissen am leichtesten angepasst.

Die 40-, 50- und 60-Jährigen hatten es dagegen sehr schwer. Die jüngere Generation leidet jetzt darunter. Das sieht man vor allem an den Wahlergebnissen in Ostdeutschland. Das verstehe ich hingegen am wenigsten, weil gerade diese Altersgruppe eigentlich keine andere Perspektive hatten als die von 1989.

Gerade sie haben nur die eine Entwicklung hin zu Westdeutschland erlebt. Ich kann die heutigen Sorgen zwar verstehen, aber man muss auch mal sehen, welche enormen Leistungen vom Westen erbracht wurden. Gerade der finanzielle Transfer von West nach Ost war nicht von schlechten Eltern. Dieser hat Westdeutschland viel Geld gekostet und war notwendig.

Ich sage auch immer mit Blick auf Menschen in Bayern und Ostfriesland, dass diese ganz unterschiedlich sind. So ist es auch mit den Ost- und Westdeutschen: Diese werden auch noch über Jahre ein unterschiedlicher Menschenschlag bleiben. Doch in einem Land mit 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist das vollkommen normal, dass die Leute unterschiedlich sind.

NICOLAI REHBERG: Ja, es gibt den regionalen Unterschied. Den haben aber auch Menschen aus Mecklenburg-Vorpommern und aus dem Erzgebirge. Dort sind die Leute auch sehr unterschiedlich und dennoch sind sie ab einem bestimmten Alter anders sozialisiert als die Leute im Westen.

Gerade im Hinblick auf unsere Generation haben die jungen Ostdeutschen in ihrer Jugend von Zuhause gar kein Rüstzeug mitbekommen, also wie sie in dem neuen System an manchen Stellen klarkommen sollen. Da haben es die jungen Menschen aus dem Westen leichter gehabt.

Wendezeit als erfolgreiches Konjunkturprogramm

SVENJA MARIE LINNEMANN: Unterschiede zwischen Nord und Süd gibt es auf jeden Fall. Doch gerade in Bezug auf Ost und West ist das nochmal eine ganz andere Sache. An dieser Stelle spielen die angesprochenen strukturellen Divergenzen zwischen Ost und West eine Rolle, beispielsweise wenn die Eltern teilweise arbeitslos wurden, ganze Biographien durch die Wende zerbrochen sind oder auch, wenn es um Systemangleichungen mehr in die eine, als in die Richtung ging.

Ich glaube, das kann man nicht nur als regionalen Unterschied definieren. Ich würde auch sagen, dass gerade die erlebten Ungerechtigkeiten in den Familien zwar nicht vererbt, doch auf jeden Fall weitergetragen werden.

NICOLAI REHBERG: Man muss auch sagen, dass gerade die Wendezeit durch die Treuhand für Westdeutschland ein erfolgreiches Konjunkturprogramm war und sich gerade Firmen aus dem Westen der Republik eine goldene Nase verdient haben. Ich finde es gut, dass diese Angelegenheit jetzt aufgearbeitet wird.

„Friedliche Demonstrationen können Mauern zum Einsturz bringen“ (Svenja Marie Linnemann)

Das hilft den Menschen, um damit abzuschließen. Trotzdem reicht es nicht nur die Ungerechtigkeiten zuzugeben, also das beispielsweise gerade bei der Treuhand viel schiefgelaufen ist. Sondern wir müssen auch überlegen, wie wir gemeinsam in die Zukunft blicken können. Da müssen wir erkennen, dass es Unterschiede gibt und es eine gezieltere Politik für den Osten bedarf.

SVENJA MARIE LINNEMANN: Gerade im Hinblick auf die letzten Wahlergebnisse in den östlichen Bundesländern muss man sich überlegen, wie man mit den jungen Menschen ins Gespräch kommt. Ein Beispiel wäre es noch stärker und früher in politische Bildung zu investieren. Gleichzeitig sollte ein Gefühl von Benachteiligung, wenn dieses in einigen Familien noch vorherrscht, nicht totgeschwiegen, sondern auch 30 Jahre danach offen thematisiert werden.

Und zuletzt können wir aus dem Jahr ’89 einen wichtigen Schluss für unsere Generation ziehen, nämlich, dass friedliche Demonstrationen nicht nur Berge versetzen, sondern auch Mauern zum Einsturz bringen können!