Buchtipp "Becoming"SPD Berlin/Sebastian Thomas

Buchtipp: „Dir werd ich’s zeigen“

Michelle Obamas Autobiographie „Becoming“ wartet zwar mit vielen privaten Details auf, doch eigentlich geht es zwischen den Zeilen um etwas anderes: Empowerment. SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey nennt es als ihr Lieblingsbuch.

Sie war die gefühlt erste Präsidentin im Weißen Haus in Washington D.C. Eine Frau, die immer viel mehr war als die First Lady an der Seite des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten – die Rede ist von Michelle Obama. Eine Frau, die bis heute buchstäblich neben ihrem Mann steht, nie hinter ihm. So munkelte man beispielsweise während der Amtszeit von Barack Obama, dass verschiedene politische Entscheidungen nicht allein auf ihn und seine Berater:innen zurückzuführen sind, sondern auch durch persönliche Gespräche mit seiner Frau beeinflusst wurden.

Ihre Autobiographie erschien am 13. November 2018. Zu dieser Zeit hieß der Präsident längst Donald Trump. Amerika hatte sich gewandelt – glaubte man, denn nach Erscheinen des Buches avancierte das Werk von Michelle Obama innerhalb weniger Wochen zum Jahresbestseller. Es zeigte einmal mehr: Die Vereinigten Staaten, die von den Obamas geprägt wurden, sie waren noch da.

Der Erfolg hat seinen Grund: Der Inhalt des Buches ist weniger ein Blick auf die Privatperson Michelle Obama, wenngleich Selbiges in einer Autobiographie natürlich nicht fehlen darf, sondern bietet auch viel Raum für Themen, denen sich die heutige 57-Jährige schon immer gewidmet hat: Gerechtigkeit, Vielfalt, Empowerment. In der Mitte des Buches finden sich zwar private Fotos. Jedoch gewährten die Obamas bereits während ihrer Zeit im Weißen Haus private Einblicke in Form von Bildern.

Natürlich alles wohldosiert und immer so, dass Barack und Michelle Obama die Kontrolle über ihre eigenen Fotos behielten. So schafft es Michelle Obama in ihrem Buch politisch und privat zu sein. Das muss sie auch, denn Autobiographien von berühmten Persönlichkeiten gibt es viele und ein Weg aus der Menge herauszustechen ist schwierig. Die Umstände, in denen die spätere First Lady aufwuchs, sind erst mal nicht neu: Michelle Robinson nannte in ihrer Kindheit die arme South Side von Chicago ihr Zuhause.

Mit ihrem Bruder Craig teilte sie sich ein Zimmer in der Dachgeschosswohnung der Familie. Ihre Eltern, Fraser und Marian Robinson, erzogen sie dazu kein Blatt vor den Mund zu nehmen und sich keine Angst machen zu lassen. Mehr noch: Ihr Vater brachte ihr bei hart zu arbeiten. Ihre Mutter zeigte ihr, wie Michelle Obama sagt, ihre Stimme einzusetzen.

Wichtige Lektionen für ein Mädchen mit afroamerikanischen Wurzeln und dementsprechend schwarzer Hautfarbe, denn leider ist Rassismus im damaligen (wie heutigen) Amerika sehr präsent. Das merkt die junge Michelle Obama zuerst in ihrem privaten Umfeld: Familienmitglieder können aufgrund ihrer Hautfarbe nie qualifizierte Jobs ausüben. Oder später, als sie sich am Ende ihrer Highschool-Zeit nach einer passenden Hochschule erkundigt und eine Studienberaterin ihr kühl ins Gesicht sagt: „Ich bin mir nicht sicher, ob Sie zum Material für Princeton zählen.“

Das Selbstwertgefühl der jungen Michelle war zwar angekratzt, doch sie hatte einen einzigen Gedanken: „Dir werd ich’s zeigen.“ Was sie dann auch tat. Gerade mit diesen Zeilen können sich Jugendliche auf der ganzen Welt identifizieren – vor allem junge Frauen. An diesen Stellen im Buch zeigen sich auch die anfangs erwähnten Themen des Buches: Solche Passagen wirken einfach „empowernt“.

Über ihre Zeit in Princeton schreibt sie in ihrer Autobiographie, „Princeton war extrem weiß und sehr männlich“. Das Verhältnis von Männern und Frauen auf dem Campus sei beinah zwei zu eins. Sie und andere schwarze Studierende stachen „als Absonderheit hervor – wie Mohnsamen in einer Schüssel Reis“. Doch Michelle Obama meisterte auch das. Das war keinesfalls ein Selbstläufer, sondern als Frau mit schwarzer Hautfarbe muss sie immer mehr arbeiten wie andere.

Nach Princeton und Harvard fängt sie schließlich bei einer Kanzlei in Chicago an, wo sie auch ihren späteren Ehemann Barack Obama kennenlernt. Es folgen Stellen im Büro des Bürgermeisters von Chicago, an der University of Chicago und am Medical Center der Hochschule. Dort richtet sie ein Beratungsstelle ein, die tausenden Einwohner:innen der South Side die Suche nach einer erschwinglichen Krankenversicherung erleichtert. Auch privat bewegt sich viel: Michelle und ihr Mann Barack bekommen zwei Töchter.

Erst erblickt Malia 1998, drei Jahre später Sasha das Licht der Welt. Und wieder trifft man im Buch auf eine Sache, die sie privat und politisch mit so vielen Frauen auf der ganzen Welt verbindet: Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Sie schreibt darüber: „Als voll berufstätige Mutter, deren Mann häufig auf Reisen war, wurde auch ich schnell mit den Jonglierkünsten vertraut, die so viele Frauen kennen.“

Es sei der Versuch, eine Balance zwischen den Bedürfnissen ihrer Familie und den Anforderungen ihres Berufes zu finden. Als ihr Mann sich schließlich anschickt der 44. Präsident der USA zu werden, unterstützt sie ihn – teilweise bis zur eigenen Erschöpfung. So entstehen Bilder, die sie an seiner Schulter lehnend, während dem Wahlkampf zeigen. Michelle Obama hat die Augen geschlossen, nutzt die Pausen zwischen den Wahlkampfaufritten, um Kraft zu tanken, Barack Obama blättert in einer Zeitung.

Was danach kommt ist Geschichte: Präsidentschaft, Staatsbesuche – doch auch: Trauer wegen erneuter Amokläufe an US-amerikanischen Schulen – und mittendrin immer eine First Lady, die danach strebt, wie ihr Mann, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Kurz vor Ende des Buches – mittlerweile befinden wir uns am Ende der achtjährigen Amtszeit von Barack Obama – klärt die First Lady eine ganz grundlegende Frage: „Ich habe nicht vor, für ein öffentliches Amt zu kandidieren.“

Bevor die/der Leser:in an diesem wichtigen Satz ankommt, beschreibt die Autorin die Amtseinführung von Donald Trump – kühl, nüchtern, ohne Schnörkel: An die Stelle der vorangegangenen Zeremonien „war eine Art mutlose Einförmigkeit getreten, die typische, weiß und männliche dominierte Szenerie“. Diese hatte Michelle Obama schon oft gesehen: in privilegierteren Kreisen, in verschiedenen Machtzentren. Der Optik entsprechend passte sie sich an: „Ich gab mir keine Mühe mehr zu lächeln.“

Zu einem gewissen Teil spielt dieses oder ähnliche Ereignisse, dass spürt man, in ihre Entscheidung, nicht für ein politisches Amt zu kandidieren, hinein. Sie gibt zu: „Ich war nie eine Freundin von Politik.“ Dieses für eine Seite entscheiden, unfähig zuzuhören oder keine Kompromisse zu schließen, lehnt sie ab. Wenngleich sie auch anerkennt, dass Politik positive Veränderungen herbeiführen kann.

Viel wichtiger ist ihr da das Grundmotiv ihres Buches: „Becoming“, etwas „Werden“. Sie sei von einem normalen Menschen auf einen außergewöhnlichen Weg geraten. Sie möchte andere ermuntern auch diesen Weg zu beschreiten. Dabei lässt sie die sprichwörtlichen Türen, die ihr geöffnet wurde, auch für andere offen, damit sie hindurch gehen können.

Michelle Obama, Becoming – Meine Geschichte, Goldmann Verlag, 544 Seiten

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Autor:in

Sebastian Thomas

Redakteur der BERLINER STIMME, des vorwärtsBERLIN und des Berliner Stadtblatts