Kim Krach, Referentin für Geschlechter- und Familienpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in BerlinSPD Berlin/Sebastian Thomas

Berliner Stimme 5|2020: „Bisher ist Care-Arbeit leider nicht system­relevant“

Als die Kitas und Schulen im Zuge der Corona-Maßnahmen schließen mussten, standen viele Eltern vor einer großen Herausforderung: Homeoffice bei gleichzeitiger Kinderbetreuung. Manche Expertinnen und Experten befürchteten einen Rückfall in traditionelle Rollenmuster. Mit Kim Krach, Referentin für Geschlechter- und Familienpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Berlin, sprach die BERLINER STIMME über diese Sorge und fragte, ob die Corona-Krise nicht sogar zur Aufwertung der Sorge-Arbeit beiträgt.

BERLINER STIMME Kim, ist die Care-Arbeit überhaupt systemrelevant?

Kim Krach: Systemrelevant ist ja ein Wort, das ursprünglich aus dem Finanzbereich kommt und unter anderem für Banken und Kreditinstitute gilt. In der Corona-Krise ist es neu in unseren allgemeinen Sprachgebrauch gewandert und soll diejenigen Berufsgruppen bezeichnen, die „das Land am Laufen halten“, also eine bedeutende volkswirtschaftliche Rolle in einem Staat spielen.

Legt man diese Definition zugrunde, ist es doch erstaunlich, dass Sorge-Arbeit bislang nicht darunterfällt. Ich finde es interessant, wie andere Menschen mit diesem Thema umgehen, auch solche, die nicht in privilegierten und abgesicherten Lebensumständen sind. Wie systemrelevant Care-Arbeit weltweit ist, hat die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) direkt nach Beginn der Corona-Krise in vielen Beiträgen unter unserem Blog Corona & Care zusammen getragen. Ein Blick darauf lohnt sich.

Die Wissenschaftlerin Jutta Allmendinger schreibt in einem Artikel für die Wochenzeitung Die Zeit, dass sie aufgrund der Coronakrise eher einen Rollback – einen Rückschritt – in der Geschlechtergerechtigkeit erwartet. Hat sie Recht?

Ich finde, die Soziologin Allmendinger leistet derzeit einen großartigen Beitrag in der öffentlichen Debatte und hat mit dieser Aussage einen wunden Punkt getroffen. Denn wenn die temporäre Schließung von Kitas und Schulen sofort einen gleichstellungspolitischen Rückschritt bedeuten würde, müssten wir uns fragen, welchen Beitrag die bisherige Gleichstellungspolitik zur Gleichstellung der Geschlechter geleistet hat.

Ich denke, diese Debatte sollten wir führen, um auf neue Ansätze zu kommen, die dann nachhaltigere Erfolge bringen. Im Netz stoßen wir ja derzeit auf spannende neue Stimmen, wie die Menschen hinter dem Hashtag „stattblumen“, die keine Blumen als Anerkennung wollen, sondern gleiche Rechte und sofortige Entscheidungen für eine gleichberechtige Zukunft fordern.

Solche und andere junge Stimmen wollen wir wieder im November bei unserer Spontankonferenz „Barcamp Frauen“ zu Wort kommen lassen. Dieses Format der FES existiert nun bereits seit zehn Jahren und spricht insbesondere jüngere Menschen, besonders junge Frauen an, die gemeinsam ihre Vorstellungen von einer geschlechtergerechten Welt entwickeln und deren Engagement wir fördern wollen.

Wer bleibt im Durchschnitt in der derzeitigen Krise eher zuhause, um die Familie zu managen: Männer oder Frauen?

Wir können in dieser Krise sehr gut sehen, dass ad hoc politische Entscheidungen getroffen wurden, die davon ausgehen, dass sich eine/r zuhause schon kümmern wird, entsprechend dem klassischen Alleinverdienermodell. Eltern sind ja auch deswegen komplett an der Belastungsgrenze, weil das heute eben nicht mehr so ist: Frauen sind erwerbstätig, egal ob in Teil- oder Vollzeit, und wollen diesen beruflichen Raum auch behalten.

Leider ist es seitdem nicht umgesetzt, obwohl darin ein toller Baustein zur besseren Verteilung der Sorgearbeit liegt.

Wir in der FES sprechen immer von Geschlechtergerechtigkeit und für uns liegt ein wesentlicher Zugang dafür in der Arbeitsmarktpolitik. Vor über fünf Jahren haben wir zum Beispiel ein praktisch umsetzbares und finanzierbares Modell der Familienarbeitszeit errechnen lassen, bei dem jedes Elternteil ein Stück weit Arbeitszeit reduzieren kann und eine Lohnersatzleistung erhält.

Leider ist es seitdem nicht umgesetzt, obwohl darin ein toller Baustein zur besseren Verteilung der Sorgearbeit liegt. Ein ähnlicher Baustein ist unser „1000-Stunden-Modell“, das Menschen entlasten kann, die einen Angehörigen pflegen und gleichzeitig erwerbstätig sind. Wir finden, das Modell ist ein interessanter Vorschlag, der mindestens diskutiert werden sollte.

Was muss jetzt passieren, um die derzeitigen durch die Coronakrise bestehenden strukturellen Benachteiligungen von Frauen zu mindern?

Als erstes braucht es Strukturen in allen Führungsetagen, ob Politik oder Wirtschaft, die konsequent Geschlechtergerechtigkeit mitdenken und alle zu treffenden Entscheidungen dahingehend überprüfen, welche Auswirkungen sie auf die Geschlechter haben, um Diskriminierungen zu vermeiden.

Alleinerziehende in den Blick nehmen

Wie viele Frauen waren in den Krisenstäben vertreten, wie divers waren diese überhaupt? Das Stichwort lautet hier natürlich: Parität. Gremien und Parlamente müssen so besetzt sein, dass die gleichberechtigte politische Teilhabe der Geschlechter gewährleistet ist; auch das ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit.

Wer verdient, was er oder sie verdient? Auf diese Frage brauchen wir sozial gerechte Antworten.

Ganz wichtig ist es für uns als Stiftung auch diejenigen in den Blick zu nehmen, die nochmal schwierigere Bedingungen haben, wie zum Beispiel Alleinerziehende. Die können sich nicht aussuchen, wie sie die Sorge-Arbeit verteilen und haben sicher nochmal ganz andere Herausforderungen zu bewältigen. Wir legen in unseren Studien einen besonderen Fokus auf diese benachteiligte Gruppe.

Glaubst du, dass die derzeitige Krise auch zur Aufwertung der unbezahlten Care-Arbeit beitragen kann?

Sonja Bastin, eine unserer Blog-Autorinnen, erläutert in ihrem Beitrag ziemlich anschaulich, dass Care-Arbeit am besten sofort als Wirtschaftsfaktor betrachtet werden sollte, auch wenn es schwer fällt, weil sie unbezahlt ist und derzeit nicht gleichberechtigt auf gewerkschaftlichen Rückhalt stößt.

Wer verdient, was er oder sie verdient? Auf diese Frage brauchen wir sozial gerechte Antworten. Wenn es gelingt, auch Care-Arbeit als systemrelevant zu verstehen, sehe ich Chancen für eine Aufwertung.

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Autor:in

Sebastian Thomas

Redakteur

Redakteur der Berliner Stimme und der Berliner Seiten des Vorwärts